Sterbebegleitung

Wenn Leben den Tod umarmt...

Es gibt Vieles, das Mensch und Hund verbindet. Nicht allein das hoffentlich glückliche, liebevolle Miteinander in einem Rudel, auch Krankheit und das Sterben gehören dazu. So manches Mal führt das Schicksal den Menschen zu einem sogenannten Vermehrerhund. Dann kann es sein, dass das Sterben früher noch, als anderswo ein großes Thema wird. Da der Mensch in unserem Kulturkreis in diesem Zusammenhang viele Ängste und Unsicherheiten hegt, bleibt es nicht aus, dass auch unsere Tiere davon betroffen werden. Es gibt jedoch einen Ausweg aus der Angst und damit eine Möglichkeit auch den Tieren den Weg durch ihren Sterbeprozess zu erleichtern. Dieser Ausweg bedeutet, sich mutig diesem Thema zu stellen und sich zu informieren.
Beim Menschen gibt es die sogenannten Sterbephasen. Die Ärztin und Sterbeforscherin Frau Dr. Kübler-Ross war eine Pionierin auf diesem Gebiet. Die Hospizbewegung ging aus ihrer Arbeit hervor.
Meine Erfahrung ist, dass auch unsere Tiere solche Sterbephasen durchleben und diese Phasen einen Sinn machen. Tiere können oftmals ähnliche Wege gehen, wie die menschlichen Bewohner eines Hospizes. Das Sterben kann man mit dem Geburtsvorgang vergleichen. Darüber hinaus geht es beim Sterben um das große Wort Liebe. Wer einmal die Möglichkeit hatte die Bewohner eines Hospizes aufihrem Weg in den Tod zu begleiten, wird davon ein „Lied“ singen können. Liebe bedeutet hier Da-Sein, Begleiten, dem Sterbenden beistehen, ihn zu unterstützen, Vertrauen zu schenken, dass eine natürliche Geburt in eine andere Welt sinnhaft ist.

Bei der natürlichen Sterbebegleitung unserer Tiere, so meine Erfahrung, gibt es da kaum Unterschiede. Für ihren menschlichen Begleiter bedeutet das dann liebevolles Da-Sein, Begleiten, vertrauensvolles, unterstützendes Beistehen, während der Geburtswehen in eine andere Welt. Der Mensch übernimmt die Aufgabe einer Hebamme in den Tod. Ist die Einschläferung die Kaiserschnittgeburt, so ist die natürliche Sterbebegleitung bei Menschen undTieren, der Weg, den so viele Müttertag täglich gehen, um neues Leben zu schenken. Schmerzen, die auf solchen Wegen auftreten, können in unserer Zeit in den meisten Fällen gemindert werden. Die Kaiserschnittgeburt jedoch geschieht sehr schnell. Der Beginn des neuen Lebens in unsere Welt passiert dann abrupt und der Weg wird erheblich verkürzt. Das gilt auch bei der Einschläferung vonTieren. Manchmal ist ein Kaiserschnitt auch unabdingbar. Aber ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man sie jederzeit und routinemäßig anwendet?Welche Mutter, die eine natürliche Geburt bevorzugt, spricht nicht von diesem heiligen Moment der Erlösung, als das Kind den langen Geburtskanal endlich durchschritten hatte? Wie viele Mütter sprechen bedauernd von der Kaiserschnittgeburt, und dass die erlösenden Glücksgefühle ausblieben? Wer denkt nach einer Geburt an die Schmerzen, die eine Mutter und ihr Kind dabei gelitten haben? Vergleicht man den Sterbeweg von Menschen mit denen von Tieren, so wird man weitaus mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede finden. Ich selbst war einige Zeit ehrenamtlich in einem Hospiz für Menschen tätig. Die dort gesammelten Erfahrungen kamen mir auch auf dem Sterbeweg meines eigenen Hundes sehr zugute, der einen natürlichen Tod gestorben ist. Die durch dieSterbeforscherin Fr. Dr. Kübler Ross beobachteten Sterbephasen findet man auch in der Tierwelt. Sind diese Sterbephasen weitestgehend abgeschlossen, fällt es Mensch und Tier leichter zu gehen. Menschen benötigen auf ihrem Sterbeweg einfühlsame Begleitung, Hilfestellung zur Linderung von Schmerzen. Mit anderenWorten; einen würdevollen Umgang mit ihnen und ihrer Lebenssituation. Begleitet man auf ähnliche Weise ein Tier, kann das den Blick auf unsere befellten Lieblinge und auf die Welt um uns herum kolossal verändern. Viele Mitmenschen wissen nichts von den Abläufen eines Sterbeprozesses. Das sollte sich ändern. Viele haben Angst, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Unbekanntes macht erst mal ängstlich. Wer sich jedoch darauf einlässt, kann seine Angst lernen loszulassen. Dann findet man auch eher eine Antwort auf die grundsätzlicheFrage, die auf dem Sterbeweg des eigenen tierischen Begleiters, im Raume steht:„Kann ich es emotional ertragen, wenn mein Tier zunehmend eingeschränkt wird. Bin ich bereit, diese Einbußen der Lebensqualität, welche vor allen Dingen Funktionseinschränkungen bedeuten, mitzutragen und gleichzeitig dieverbliebenen Restqualitäten im Leben meines Tieres zu erkennen?“ Ein überforderter Tierhalter ist eine Katastrophe für sich selbst und sein Tier. Wird die Frage mit einem Ja beantwortet, oder möchte man sich bei auftretenden Unsicherheiten von erfahrener Stelle unterstützen lassen, dann gibt es ebenauch in vielen Fällen eine Alternative zur üblichen Einschläferung, - die natürliche Sterbebegleitung. Häufig legen Tierhalter Verhaltensweisen ihres Lieblings als eindeutige Entscheidungshilfe für eine Einschläferung aus, weilsie über die Abläufe zu wenig wissen. Ich kannte einen Mann, der einen herzkranken Hund hatte. Eine Operation war unmöglich. Eines Tages weigerte sich sein Tier aufzustehen, um mit seinem Besitzer spazieren zu gehen. Dies war für den Mann das eindeutige Zeichen, den Hund einschläfern zulassen. In guter Absicht geschah dies noch am gleichen Tage. Ich selbst habe eine natürliche Sterbebegleitung bei einem herzkranken Münsterländer Jagdhund erlebt. Auch er weigerte sich plötzlich, spazieren zu gehen. Am nächsten Tag jedoch ging es ihm wieder besser. Langsamer als in gesunden Jahren, aber glücklich, genoss er seinen Spaziergang. Es gab eben bewegte und weniger bewegte Tage. Genauso verhält es sich auch bei uns Menschen. Selbst, wenn ein Hund die Nahrung verweigert, heißt das nicht, dass keine schönen Lebensstunden mehr auf ihn warten. Mein eigener Hund hatte auch solche Phasen. Ein oder zwei Tage später hat er sich wieder etwas schmecken lassen. Bei alten und kranken Menschen können wir das gleiche Verhalten feststellen. Der Tod muss aber auch hier noch lange nicht vor der Tür stehen. Essensverweigerung kann auch eine Hilfsmaßnahme des Körpers sein, um sich zu schonen. All meine Erfahrungen, die ich im Zusammenhang mit dem Sterben sowohl in einem Menschenhospiz, als auch auf dem Sterbeweg von Tieren gemacht habe, führten zu der Erkenntnis, dass sich spätestens im Sterben die Unterschiede zwischen Tier und Mensch auflösen und es wichtig ist, sich mit dem Thema zu befassen, aus Liebe zu Mensch und Tier. Die Sterbebegleitung ist ein Weg, der mit intensiven Gefühlen einhergeht und uns lehren kann, zu erkennen, warum es die Tiere gibt. Sie wollen uns lehren menschlich zu werden.

Marina Hirt (Heilpraktikerin, Buchautorin), weitere Informationen zum Thema Sterbebegleitung bei Tieren unter www.Marina-Hirt.de

Vielen Dank Marina, das du diesen Text für unsere Seite geschrieben hast und zur Verfügung stellst.

 

 


Webdesign © 2013 www.fotoandweb.de