Whisper – so wurde ich genannt, als mein Leben begann...


Am 24. November 2007 habe ich mit meinen Geschwistern das Licht der Welt erblickt. Mein „Licht der Welt“ war allerdings Dunkelheit, Kälte, Betonboden, Nässe und stickige Luft. Unsere Mama war mager und kalt, wir hatten kaum etwas zu trinken und wir hatten Mühe uns gegenseitig genug Wärme spenden zu können um zu überleben. Ich bin ein Hund eines Vermehrers. Ich bin ein Produkt aus reiner Geldgier, ohne Rücksicht auf jegliches Gefühl.

Man gab mir und meinen Geschwistern nach ein paar Wochen Papiere, plötzlich waren wir anscheinend etwas wert. Wir bekamen einen Stammbaum. Woher, das fragte ich mich lange.

Unsere Mama wurde früh weggebracht und wir blieben einsam zurück. Nach und nach wurde immer eines meiner Geschwisterchen von Zweibeinern abgeholt und mitgenommen - weder sie noch meine Mama habe ich je auf Erden wiedergesehen.

Und mich wollte niemand haben.

Viele lange Tage saß ich einsam und ohne Hoffnung auf dem Zwingerboden und wartete und war totunglücklich. Mein „Züchter“ kam selten und wenn, hatte er kein gutes Wort für mich übrig und auch das Futter war mehr als dürftig. Er schrie oft, wie nutzlos ich sei und dass er mich endlich loswerden müsse. Ich beugte mich dem Schicksal und gab auf. Kraftlos lag ich in der Zwingerecke, den Lebensmut verloren.

Am 22. März 2008 – es war ein kalter und sehr nasser Tag. Einer wie so viele zuvor und doch sollte es der Tag meiner Rettung werden. Es war die Stimme einer jungen Frau zu hören. Sie sprach sanft und sah sich meine Golden Retriever - Leidensgenossen im anderen Zwinger an. Durch Zufall blieb sie nur vor meiner Zwingertüre stehen.
Ich sah sie an und siegte – mein Blick traf ihre Seele. Mit nur einem winzigen Moment, ein kurzer Augenschlag und ihr Herz hatte verloren. Das war MEIN Frauchen. Meine Hoffnung. Meine Rettung. Mein Leben.

Sie wollte nicht, ihr Verstand wehrte sich deutlich, aber ihr Herz hatte längst verloren. In dem Moment, als sie in den Zwinger kam und ich zum ersten Mal in meinem Leben eine sanfte streichelnde Hand spüren durfte, da nannte ich sie Mama. In diesen Sekunden schenkte ich ihr mein Leben, ich gelobte Treue – mein Leben lang.

Dieser Tag war der Tag, an dem ich wirklich das Licht der Welt erblickte.

Meine Mama hatte es wahrlich schwer mit mir. Ich fürchtete mich vor dem Fußboden, vor dem Kühlschrank, vor den Geräuschen, vor Bewegungen – mir machte alles Angst. Man hatte mich nie gelehrt, wie es sich gehört zu verhalten. Man hatte mir nie gezeigt, dass es etwas anderes als Einsamkeit, Kälte, Hass, Angst und Schläge gibt. Nie wurde ich zuvor sanft gestreichelt oder in flüsternden, liebevollen Worten angesprochen. Ich kannte kein Halsband, keine Leine, keinen Futternapf. Nichts. Ich kannte nur den kalten, nassen Zwingerboden und den fürchterlichen Menschen, der sich „Züchter“ nennt, aber in Wahrheit pures Elend für so viele Tierseelen ist.

Whisper. Meine Mama nannte mich so, weil ich selbst nach Tagen nicht ein Mal ein Fiepen zu Stande brachte. Sie sagte: „Sonnenschein, ich werde dich Whisper nennen, weil ich dich niemals anschreien werde, weil ich dir lehren werde, was Liebe ist – sanft, geduldig und in flüsternden Worten, sodass du dich irgendwann traust, einen Ton von dir zu geben und wirklich zu leben beginnst.“

Sie hielt dieses Versprechen – mein Leben lang.

Ich durfte wie ein kleiner Prinz aufwachsen. Nichts war zu teuer oder zu schade für mich. Das ganze Leben drehte sich um mich. Fast überall hin durfte ich meine Mama begleiten und wir erlebten wundervolle Momente zusammen. Wir gingen sogar manchmal gemeinsam einkaufen. Irgendwann kam Mama auf die Idee, dass ich mir mein Spielzeug ja selbst aussuchen könne – die Leine klickte und ich war „frei“. Sie kreischte vor Freude und rannte mit mir um die Wette, wir tobten. Es war das pure Glück. Leute um uns herum lachten, andere schimpften, aber Mama war das egal. Sie tat alles für mich. So durfte ich bei jedem Einkauf, bei dem ich dabei war, mir selbst etwas aussuchen und auch nach dem 100sten Stofftier schüttelte sie nicht ein Mal den Kopf um Nein zu sagen. Ich bekam, was mein kleines Hundeherz so begehrte.

Nach einiger Zeit lernte meine Mama einen anderen Zweibeiner kennen. Dieser wurde schnell zu meinem Daddy. Wir waren glücklich. Plötzlich waren wir eine richtige Familie. Ich blieb der Sonnenschein meiner Mama und selbst wenn ich meinen Stursinn durchsetzte, ihr Rufen ignorierte oder etwas im Spielrausch zerstörte und sie mich deswegen am liebsten auf den Mond geschossen hätte – mein Blick ging immer bis zur Seele und niemals tat sie mir etwas schlechtes. Von dem dunklen Schatten der über mir lag wurde nichts geahnt. Die erbarmungslose Hölle schlummerte in mir noch vor sich hin. Der Preis, den mein Vermehrer billigend in Kauf genommen hatte. Die Unachtsamkeit von Erbkrankheiten. – Epilepsie. Meine Zweibeiner ahnten nichts davon.

Es war Januar 2009. Meine Mama wollte mit Freunden noch etwas besorgen gehen, ich blieb brav schlummernd in ihrem Bett zurück.
Nicht viel später schüttelte es mich wie aus dem Nichts. Ich begann zu sabbern, Panik machte sich breit und ich konnte es nicht unterdrücken nicht zu pieseln. Mein Körper zitterte und ich wimmerte ängstlich vor mich hin. Es war mir nicht möglich, auch nur eine Bewegung durchzuführen.
In diesem Moment kam meine Mama zurück. In ihren Augen sah ich Angst, Verzweiflung, Ratlosigkeit. Sie packte mich und ging mit mir unter die Dusche. Unter lauwarmen Wasser schmiegte ich mich ängstlich an sie, ihre Tränen liefen wie die Wassertropfen auf meinem Fell hinunter. Nur langsam beruhigte ich mich. Ich spürte ihren Herzschlag auf mir pochen, ich fühlte die Angst und ich spürte, dass die Zeit langsam gekommen ist.

Nicht viel später ging es mir wieder gut. Ich hüpfte quietschend glücklich wie zuvor durch die Gegend. Ich verdrängte das Erlebnis und versuchte meine Mama zu beruhigen, sie zum Lachen zu bringen. Aber es gelang mir nicht, sie ahnte, dass wir vor dem Tor der Hölle stehen.
Die Nächsten Tage lies mich Mama nicht eine Sekunde aus den Augen, sie nahm sich Urlaub, telefoniert und recherchierte im Internet, wir besuchten den Onkel Doc, aber niemand wusste, warum dies mit mir geschehen war. So gern hätte ich ihr gesagt, dass es nicht ihre Schuld ist. Dass sie nichts falsches getan hat. Dass sie nichts dafür kann – dass dies der Preis meines Lebens ist. Der Preis, den mein Züchter billigend in Kauf genommen hat. Aus Geldgier.
Nur langsam kehrte der Alltag zurück. Aber wir sollten nicht lange Frieden haben. Es war der erste Epilepsieanfall – der als solcher nur nicht erkannt wurde. Die folgenden Monate waren das Schlimmste, was meine Mama je erlebte und die kostbarsten Momente der Welt. Wir lebten jeden anfallsfreien Tag, als wäre es der Letzte.
Meine Mama hat dann ihren Job hingeschmissen um total für mich da zu sein und ist mit Daddy um- und zusammengezogen.

Es war der 25. Januar 2009 als der erste heftige Anfall ausbrach. Der Tag, an dem der erbarmungslose Tripp durch die Hölle der Epilepsie wirklich begann.

Ich lag schlafend auf dem Bett, als ich mit Kopfschmerzen wach wurde. Ich versuchte aufzustehen. Jegliche Orientierung und Kontrolle hatte ich aber über mich verloren. Ich kippte zur Seite und starrte irritiert um mich. Ein halbes Meer von Speichelschaum floss aus meinem Maul und ich nässte ein. Millisekunden später zitterte ich, drehte die Augen nach innen, verkrampfte alle vier Pfoten, röchelte nach Luft und kämpfte den Kampf um mein Leben. Es war noch sehr viel schlimmer als beim ersten Mal.

Ratlos und hilflos, total überfordert, nicht in der Lage nur einen Gedanken klar fassen zu können, musste meine Mama zusehen, wie ich zu ersticken drohte. Sekunden wurden zu Stunden. Aber es kam noch schlimmer. Nach dem Krampf biss ich um mich. Ich konnte nicht anders. Ich biss, jaulte und bellte angsterfüllt. Panik und unendliche Angst machten sich breit. Angstgeschrei meiner Mama, welches ihr bis heute in die Träume schleicht und sie erbarmungslos foltert. Mehrere Anfälle folgten dem Ersten im Minutentakt.

Mit dutzenden Verkehrsverletzungen und Todesangst wurde in die nächste Tierarztpraxis gefahren, mit nur einem Ziel - Hoffnung auf Hilfe. Und dort bekam der Beginn des Albtraums seinen Namen – Verdacht auf Epilepsie.

Weitere Vorgehensweisen und vorübergehende Medikamentengabe wurde besprochen. Überweisungen an Fachkliniken gestellt. Man lies uns in dem Glauben gehen, dass wir nicht in der Hölle sind, sondern nur einen "kleinen Teil" davon gerade erlebt hätten. Aber wir irrten uns - leider. Wie gern hätte ich meiner Mama gesagt, wie lieb ich sie habe.

Noch in der gleichen Nacht musste wegen mir die Notklinik aufgesucht werden – ich krampfte, krampfte und krampfte. Der Albtraum nahm seinen Lauf. Er stoppte für wenige Stunden durch Valium. Stunden voller Angst, Hilflosigkeit und Hoffnung folgten. Aber das Schicksal hatte keine Gnade.

Ich musste zu ganz vielen Onkel Doc’s gehen. Man testete viel, man versuchte Experimente, man tat alles, um mir irgendwie zu helfen. Kein Weg war zu weit, keine Kosten zu hoch, keine Mühen wurden gescheut.
Der Verdacht bestätigte sich mit jeder Stunde, jedem weiteren Tierarzt und jeder weiteren Untersuchung. Ultraschall, CT, Hirnwasseruntersuchung, Blutchecks, Vergiftungsabklärungen - alles ohne Befund. Und somit nach Tagen der Hölle der Ungewissheit und Angst die Enddiagnose der idiopathischen Epilepsie.

Meine Behandlung begann mit Luminal. Nach dessen Nichtwirkung wurde die Dosis erhöht. Nach dreifacher Erhöhung ohne Erfolg bekam ich ein Zusatzmedikament - Dibro-Be. Aber auch dieser Effekt war nur von sehr kurzer Dauer. Tierärzte wurden mehrfach gewechselt. Sogenannte "Fachärzte" zu Rate gezogen. Und wieder wurden die Dosen erhöht - ohne bleibenden Erfolg. Die Anfälle kehrten immer und immer wieder zurück. Es war nicht ein kleiner Teil der Hölle, den wir zu sehen bekamen, - wir, ich und meine Zweibeiner, standen mittendrin.
Für meine Mama begann ein weiterer Kampf - der Kampf mit dem Gewissen. Die Angst vor der Leere nach dem "Loslassen" und dem Festhalten an der "falschen Hoffnung" auf der einen Seite. Und auf der Anderen, mein "Leid". Mein Kampf gegen den Tod. Wie gern hätte ich ihr antworten und sie trösten wollen!

Von Ende Januar bis Anfang April 2009 zählte meine Mama problemlos 200 Anfälle. Und bei jedem Anfall stand sie erneut zwischen der Entscheidung - Leid oder Angst vor dem Loslassen?!

Meine Mama lies das Medikament wechseln. Ich bekam Primidon. Doch auch dies half mir nicht lang. Auch hier wurden die Dosen erhöht, versucht mit Dibro-Be anzupassen, aber der Erfolg war nie von langer Dauer.

Tausende von Euro lagen auf meinem Wesen. Dutzende verschiedene Tierärzte. Hunderte von Internet/Fachseiten über Epilepsie. Viele verschiedene Medikamente, auch Homöpathiemittel. Mehrere "Fachärzte". Hunderte von Untersuchungen.
Hoffnung, Angst, Wut, Trauer, Hilflosigkeit und dazwischen immer meine Lebensfreude.

Jeden Abend flüsterte mir meine Mama in mein Schlappohr: „Wir kämpfen einen Kampf mit Namen Epilepsie. Wir kämpfen einen Kampf gegen die Hölle. Wir sind mittendrin. Aber wir geben nicht auf, es herrscht Krieg für dich kleine Seele auf vier Pfoten – Whisper ich liebe dich!“.

Meine Mama hat für mich ihren Job aufgegeben, einen Kredit aufgenommen um die Tierarztkosten decken zu können, unendlich viele schlaflose Nächte mit mir in ihren Armen verbracht. Mit Daddy wurde sogar beschlossen, dass ich eine Freundin fürs Leben bekommen soll. Eine Hundefreundin, damit ich noch mehr an meinem Leben festhalte. Sie hatten Angst, ich hätte keinen Lebenssinn mehr. Wie gerne hätte ich ihnen doch geantwortet.

Meine Zweibeiner retteten die Tierheimseele Anuk. Wir liebten uns vom ersten Augenblick an. Ich hatte sie ihnen ausgesucht, sie hatte ein Zuhause verdient und ich wusste, sie würde Trost und Liebe spenden, wenn ich über die Regenbogenbrücke gehe.

Doch alles was meine Mama auch tat, es war nicht genug. Es konnte nicht genug sein. Gegen die Epilepsie konnte ich nicht gewinnen. Ich wusste das und langsam begann meine Mama zu ahnen, dass es für uns keinen Sieg geben konnte.

Mit Anuk erlebte ich die letzten zwei Wochen meines Lebens. Wir waren eine glückliche Familie, die Anfälle verschwanden ins dunkle Licht, man gab mir die letzte Zeit. Bis zum 14.07.2009. Der Rückfall war schwer und kam aus dem Nichts. Es wurde um mich gekämpft, mit allen Mitteln. Aber diesesmal war es zu spät. Diesesmal schaffte ich es nicht mehr. Bis zu diesem Zeitpunkt sind über 500 Anfälle vergangen.

Am 16.07.2009, morgens um 09:43 Uhr, hat mir meine Mama dann den letzten Liebesbeweis erwiesen. Ich bin unter ihren tränennassen Armen eingeschlafen. Ich durfte das letzte Mal ihren Herzschlag spüren und habe ihr sanft meinen Atem in ihr Gesicht gehaucht und ihr mit meinem Wedeln gezeigt, wie dankbar ich für all das war, was sie für mich getan hat. Auch Daddy und meine Lebensfreundin Anuk begleiteten mich auf dem Weg zum Tor der Regenbrücke. Ich habe meine Augen für immer auf Erden geschlossen, während mir Mama ihre letzten Worte ins Ohr flüsterte: „Der glücklichste Tag in meinem Leben war, als ich dich das erste mal in meinen Armen hielt und der traurigste Tag meines Lebens ist heute, wo du mich verlassen musst – Whisper ich liebe dich!“. Ich hatte den Kampf gegen die Epilepsie verloren.

Am anderen Ende der Regenbogenbrücke wurde ich bereits erwartet. Meine Hundemama und auch meine Geschwisterchen warteten bereits auf mich. Sie sagten, sie schicken meiner Menschenmama und meiner Lebensfreundin Anuk einen Engel zum Trost auf die Erde. Einen wuffenden Engel auf vier Pfoten.
Dieser Engel ist die kleine Dalmatinerhündin Pain. Sie hat mein Erbe angetreten. Jeder ihrer Tupfen steht für eine Träne, die meine Familie noch heute um mich weint. Und im Himmel werde ich für die Ewigkeit erzählen können: Ich werde geliebt!

copyright © 2009 by Y.Holleker