Shiva 9 Jahre als Zuchthündin...



Meine Shiva ist heute 14,5 Jahre alt. Bis zu ihrem neunten Lebensjahr lebte sie auf einer großen Zuchtstätte und wurde als Gebärmaschine ausgenutzt und missbraucht.

Im Sommer 2005 durfte Shiva ihre Vermehrerhölle in Holland verlassen. Eine Tierschutzorganisation konnte sie und weitere Zuchthündinnen übernehmen und in Pflegestellen unter bringen. Der Start in ihr neues Leben verlief holprig und Shiva mußte sich noch etwas gedulden, bis sie voll und ganz in ihrem neuen freien Leben angekommen war.

Shiva wurde in kürzester Zeit durch drei Pflegestellen geschickt. Ihrer eh schon angeschlagenen physischen und psychischen Verfassung tat das natürlich nicht gut. Zuchthündinnen werden in den Farmen nicht mit Samthandschuhen angefasst. Sie fristen ihr Dasein in kalten schmutzigen Zwingern, erhalten keine Ansprache, lernen keine Umwelteinflüsse kennen. Durch diese isolierte Haltung und die teils grausame Behandlung durch den Menschen, sind sie oft sehr verstört, ängstlich und scheu.

Da Shiva stetig zunahm und zu dick erschien, wurde sie von ihrer Pflegestelle auf Diät gesetzt. Dann stellte man jedoch fest, dass sie trächtig war und bald Welpen erwartete. Das erklärte natürlich auch ihre „Gewichtsprobleme“. Leider war sie zu diesem Zeitpunkt schon stark abgemagert, was natürlich ihren Welpen nicht gut tat.

Nun begann für Shiva die Glücksphase in ihrem neuen Leben. Sie kam in eine sehr liebevolle und erfahrene Pflegestelle die sich mit der Welpenaufzucht sehr gut auskannte. Sie wurde wohl behütet durch die Welpenzeit von wundervollen Menschen begleitet. Ihre körperlichen und seelischen Wunden begannen zu heilen.

Heute zerreißt es mir das Herz, wenn ich daran denke welchen steinigen Weg sie gehen musste und ich sie nicht schon viel früher zu mir geholt habe. Ich hatte sie schon länger auf der Tierschutzseite im Visir, habe mich aber nicht getraut sie zu mir zu nehmen. In ihrem Profil stand sehr wenig, unter anderem nur, dass sie nicht verträglich mit anderen Hunden sei …. Tja, damals als Hundeanfänger hab ich mir das nicht zugetraut, zumal mein ganzes Umfeld Hunde hatte und ein Kontakt immer da gewesen wäre.

Heute kann ich darüber nur lachen, denn ich habe noch nie einen so einfühlsamen und liebevollen Hund wie Shiva kennengelernt. Ich kenne bis heute keinen souveräneren Hund im Umgang mit anderen Tieren. Sie kommt mit jedem Tier klar, egal was es ist.

Aber nun wieder zurück zu ihrem Mutterdasein. Sie bekam 4 Welpen, die sich trotz der Unterernährung gut entwickelt haben. Ich habe Shiva während der Welpenaufzucht ganz oft besucht und bin tagelang bei ihr geblieben, damit wir uns schon mal kennenlernen konnten.

Als Zuchthündin bei einem Vermehrer sind Geburt und Welpenaufzucht genau das Gegenteil von dem, wie es sein sollte. Meist bleiben die Hunde bei der Geburt sich selbst überlassen. Nicht selten werden Kaiserschnitte von Vermehrern sogar selbst ausgeführt (wir haben Bauchdecken gesehen, die so vernarbt waren, dass sie nach einer Kastration kaum geschlossen werden konnten). Die Welpen bleiben nur so lange bei der Mutter bis sie anfangen zu laufen, dann werden sie von den erwachsenen Hunden getrennt. Sie werden dann in viel zu jungem Alter von 4 bis max. 6 Wochen "auf den Markt geworfen", denn dann sind sie am niedlichsten und knuffigsten und finden den besten Absatz.

Shiva verarbeitete ihre Vergangenheit zusammen mit ihren Welpen. Sie konnte das erste Mal in ihrem Leben ihre Kinder in einer für sie sicheren und geschützen Umwelt zur Welt bringen und groß ziehen. Als ihre eigenen Kinder 5 Wochen alt waren, kam eine andere trächtige Zuchthündin in der Pflegestelle an. Da diese Hündin ihre Welpen sofort nach der Geburt abgelehnt hatte und sich nicht um sie kümmern wollte, hat Shiva ohne zu zögern den fremden Nachwuchs angenommen. Milch hatte sie noch und nun hatte sie weitere 6 Welpen dazu bekommen und zog diese genauso liebevoll wie ihre eigenen auf.

Eigentlich sollte sie nach der Vermittlung ihrer eigenen Welpen zu mir ziehen, aber da sie so sehr in der Mutterrolle aufging wartete ich geduldig bis sie auch die fremden Welpen großgezogen hatte. Dann konnte ich endlich meinen Hund zu mir holen.

So aufgeregt war ich mein ganzes Leben noch nicht, wie an dem Tag als ich sie nach Hause holte. Ich wusste ja nicht was passiert, wie verhält sie sich? Wie verkraftet sie den Beziehungsabbruch zu ihrer Pflegemutter? (zu der sie natürlich eine sehr enge Bindung aufgebaut hatte während der Welpenzeit).

Die erste Zeit bei mir war sehr schlimm für Shiva. Ihre kleine ihr bekannte Welt war mal wieder zusammengebrochen. Sie hat sich völlig in sich zurück gezogen und sich wochenlang nicht von „ihrem“ sicheren Platz in meiner Wohnung wegbewegt. Der Platz der ihr am sichersten erschien war vor meinem Sofa im Schutze des Tisches.

Nur zum Fressen oder zu den Spaziergängen erwachte sie aus ihrer Starre, freute sich und kam mit mir mit. Die restliche Zeit hat sie ganz still gelegen und gewartet, mich argwöhnisch beobachtet und war völlig in sich gekehrt. Ich habe sie die erste Zeit sehr viel ignoriert und sie einfach in Ruhe ankommen lassen. Ab und zu bin ich zu ihr gegangen und habe ihr ein Leckerchen gegeben oder kurz mit ihr gesprochen. Wenn ich merkte dass es ihr zu viel wurde, habe ich sie wieder in Ruhe gelassen.

Sofort nach der Ankunft bei mir wurde sie läufig und im Anschluss scheinschwanger. Dadurch erschwerte sich die Eingewöhnung noch zusätzlich. Ich hatte das Gefühl, dass ich nie im Leben einen Draht zu ihr finden würde. Der einzige Weg in so einem Fall ist Geduld zu haben und dem Hund so viel Zeit zu geben wie er braucht, um den ersten Schritt auf einen zu zu machen.

Sie bekam diese Zeit um neues Vertrauen zu Menschen (zu mir genauer gesagt) aufzubauen und doch noch einmal das Wagnis einzugehen, sich an jemanden zu binden. Sie konnte ja nicht wissen wieso ihre Pflegemutter sie "im Stich" gelassen hatte und sie plötzlich bei mir leben sollte.

Als nächsten Schritt wurde sie kastriert, damit sie die Schatten der Vergangenheit ablegen und sich voll und ganz auf ihr neues Leben einlassen konnte.

Gemeinsam sind wir einen schweren Weg gegangen. Jeden Tag haben wir zusammen die Welt ein neues Stück entdeckt. Shiva kannte gar nichts, keine grüne Wiese, keine Gerüche, keine Straße, kein Laufen…eben all die Dinge, die unseren Hunden so vertraut und selbstverständlich sind. Angst hatte sie keine. Sie war aber so blockiert, dass sie anfangs auf den Spaziergängen nichts machen konnte. Sie lief an der Schleppleine einfach nur stur geradeaus, in einem rasanten Tempo und hatte die 20m Leine immer auf Spannung. Sie lief ohne nach links oder rechts zu schauen, als wär sie in einem Tunnel wo es kein Ende gab. Da ich keinen zweiten Hund hatte von dem sie sich abgucken konnte was ein Hund so macht auf seinen Spaziergängen, habe ich ihr die Dinge so gut es ging selbst beigebracht. Wir beide sind zusammen auf der Erde rumgekrochen und haben an Grashalmen gerochen und Leckerchen zusammen gesucht damit sie lernte ihre Nase zu nutzen. Wir haben geübt, dass sie zu mir kommt wenn ich sie rufe. Das war ihre schwerste Übung. Da hat sie den Labradorsturkopf entdeckt und ist einfach stehen geblieben und hat sich wohl gedacht…“pah, komm du doch zu mir".

Das Ganze ging ungefähr ½ Jahr mit ständigem auf und ab so weiter. Die Leine war unser ständiger Begleiter und ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, sie jemals ableinen zu können, damit sie alleine über Wiesen rennen konnte.

Aber dann platzte plötzlich der Knoten und sie schenkte mir ihr uneingeschränktes Vertrauen. Von da an hat sie mich überall hin begleitet. Sie war glücklich, wenn sie bei mir sein konnte. Besonders gerne hat sie mich in die Stadt zur Shoppingtour begleitet…sie ist bis in die Kabine mitgekommen und fand es einfach nur toll.

Sie bezaubert alle Menschen und schaut einem ganz tief ins Herz. Da sie überhaupt nicht spielen oder apportieren wollte, Hundesport für sie körperlich nicht ging, Denkaufgaben oder Suchspiele nur zuhause machte und in fremder Umgebung sich zeitweise völlig verweigerte, ich aber eine Beschäftigung für uns beide gesucht habe…ist sie Therapiehund in einem Alten- und Behindertenheim geworden. Sie liebte diese Aufgabe und ging voll und ganz darin auf. Bis sie 11 Jahre alt wurde hat sie mit Begeisterung die Menschen verzaubert und ist dann in ihre wohlverdiente Rente gegangen.

Ich hätte nie im Leben gedacht, dass mein Herzhund so alt wird. Sie ist stolze 14,5 Jahre und die Alterswehwehchen haben sie leider fest im Griff. Im letzten Herbst sah es nicht gut aus und sie mußte sehr kämpfen. Heute schläft sie sehr viel und die Spaziergänge finden im eigenen Garten statt. Aber sie hat einen so unbändigen Lebenswillen und genießt die Zeit, die ihr noch bleibt, in vollen Zügen.

Es ist einfach toll und jede Sekunde wert, sich auf das "Abenteuer" Zuchthündin einzulassen. Sie sind wie Welpen im Körper eines erwachsenen Hundes und es macht so viel Spaß, ihnen beim Entdecken der Welt zu helfen und zuzugucken.

Lassen Sie sich ruhig auf dieses "Abenteuer" ein, Sie werden tausendfach dafür belohnt.

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