Raija (auch liebevoll unter Fräulein Rottenmeyer bekannt...)



Im Januar 2010 kam die 9-jährige Abgabehündin Raija als "Pflegehund mit Bleibeoption" zu mir. Das war neu, denn bislang hatte ich nur Erfahrung mit Pflegehunden aus unkontrollierten Massenzuchten.
Raija lebte 8 Jahre lang in einer Familie, wo sich nur die alleinerziehende, Vollzeit berufstätige Mutter um den Hund kümmerte. Die Kinder waren nicht interessiert, obwohl mit Raija aufgewachsen. Wegen Überforderung der Besitzerin kam Raija im Sommer 2009 durch Vermittlung einer Tierschutz-Organisation in "Gute Hände".
Ihrem alten Zuhause hat sie nicht eine Minute nachgetrauert, war aber sofort Feuer und Flamme für ihr neues Frauchen.
Leider währte dieses Glück nur sehr kurze Zeit: das neue Frauchen erkrankte sehr schwer und musste sich kurz vor ihrem Tod von Raija trennen. Zunächst lebte Raija kurzzeitig auf einer Pflegestelle der Tierschutzorganisation in unmittelbarer Nachbarschaft ihres letzten Zuhauses. Durch die räumliche Nähe litt Raija unbeschreiblich unter der Trennung sodass ein Ortswechsel sinnvoll erschien. Am 11.01.2010 reiste Raija dann weit nach Norden, ins neue Zuhause.

Eine sehr ruhige, sehr übergewichtige, sturköpfige und läufige ältere Labbiline kam schließlich hier an, zusammen mit ihrem "Nuckeltuch" ohne das sie nicht sein mag und heftigem Juckreiz. Die Nahrung wurde umgestellt, dadurch besserte sich der Juckreiz deutlich, sie fügte sich schnell in ihr neues Zuhause ein, vertrug sich gut mit allen Menschen und der seinerzeit hier lebenden Pflegehündin, mochte trotz ihres "Zustandes" die Dorfrüden nicht wirklich, spielte weder mit anderen Hunden noch mit Menschen und ging tapfer 3 x täglich unsere Gassirunden über die vereisten Wege mit.
Ihr ganzes Glück waren Streicheleinheiten, die sie unerlässlich einforderte (und auch bekam). Schnell war klar, dass dieser Hund vom Wesen her in vielen Punkten nicht dem typischen Labrador entsprach: unsportlich, nicht verspielt, keinerlei Jagdtrieb, nicht wasserverrückt, kein "will to please"....und dazu das Alter! So stand sehr schnell fest: Raija bleibt und darf hier bis an ihr Lebensende als Prinzessin leben - es wird nichts Größeres von ihr verlangt und erwartet. Einzig: Raija wurde auf Diät gesetzt.

Im Frühjahr schließlich die erste Überraschung: Raija wohnt jetzt sehr ländlich und nach dem Eiswinter gings los mit Land- und Forstwirtschaft. Geräusche von berstenden Ästen ( Baum- und Heckenschnitt), Selbstschussanlagen zur Vermeidung von Gänsefraß auf den Äckern.... Raija verfiel in eine Art Schockstarre. All diese Geräusche versetzen sie in totale Panik, schließlich verweigerte sie das Draußen-Sein völlig! Keinen Schritt wollte sie mehr vor die Tür. Diese Ängste konnten zum Teil mit sehr, sehr viel Geduld und Konsequenz abgebaut werden . Gleichzeitig entstand ein e-mail-Kontakt zu ihren ersten Frauchen und ich erfuhr, dass Raija diese Ängste schon immer zeigte. Ursächlich soll das Verhalten ehemaliger Nachbarn sein, die Raija wohl absichtlich durch Knallgeräusche geängstigt hatten - die Besitzerfamilie hattemit Raija nicht an einem Angstabbau gearbeitet. Jetzt ängstigt sie sich noch sehr bei Gewitter - ich arbeite auch daran. Die Jagden im Herbst rund ums Dorf werden auch noch eine Herausforderung.
Außerdem litt Raija unter einer Scheinschwangerschaft. Anfang April 2010 wurde Raija - inzwischen rank und schlank - kastriert. Der Eingriff ist ihr gut bekommen: sie läuft fröhlich und locker auch weitere Strecken über Land, fordert das Laufen sogar ein! Nur Schwimmen mag sie nach wie vor nicht - wie schade für einen Labrador, der am Meer wohnt. Aber: sie liebt die hiesigen Moortümpel. Gerne geht sie dort "baden", d.h.: das Wasser darf ihr höchstens bis zum Bauch reichen; dann plantscht sie solange, bis sie vollständig nass ist. Zuhause gehts dann zum Duschen unter den Gartenschlauch. Mit allen Hunden verträgt sie sich gut, mit ihren "Lieblingen" spielt sie auch schon mal kurz. Der Sturkopf ist natürlich geblieben, aber zwischenzeitlich kann ich gut damit umgehen und weiß, wie ich Raija "überzeugen" kann.
Jetzt ängstigt sie sich noch sehr bei Gewitter - ich arbeite auch daran. Die Jagden im Herbst rund ums Dorf werden auch noch eine Herausforderung.
Im Sommer schließlich die zweite Überraschung: es war ein ganz normaler Tag. Nachmittags bin ich für eine Stunde außer Haus gewesen. Als ich wiederkam zeigte Raija ein völlig neues Verhalten: zur Begrüßung quietschte sie vor Freude und hüpfte um mich herum ( sonst stand sie immer nur stumm und schwanzwedelnd an der Haustür). Dann düste sie los, packte ein Spielzeug, brachte es mir als wenn sie sagen wollte " los, spiel mit mir". Das tat ich denn auch; erst gab es ein Zerrspiel, dann wurde im Garten geworfen und apportiert. Raija war glücklich!...und Raija und ich spielen jetzt täglich solange, bis Madame müde in ihre Kudde geht.

Raija ist eine Hündin, die in ihren früheren Leben offensichtlich wenig gefordert und gefördert wurde; ein Labrador braucht aber - wie alle Gebrauchshunde - eine Aufgabe. Geschieht das nicht, so verkümmern sie.
Raijas Beispiel zeigt, dass es aber auch in einem relativ hohen Alter ( Raija wird in wenigen Wochen 10 Jahre alt ) noch möglich ist, diese Hunde an ein normales Leben heranzuführen. Raija zeigt mir auch, dass sie ihre Trauer endgültig überwunden hat und hier bei mir richtig angekommen ist. Ich wünsche uns, dass wir zusammen noch viele gemeinsame, gesunde und glückliche Jahre erleben.

Text und Fotos: copyright © 2010 by G.Bettentrup