Nele und Jette, ein Bild des Grauens...

Nele und Jette, zwei ehemalige Zuchthündinnen, wurden kurz nach ihren letzten Würfen aus der Zucht entlassen – was mit ihren Welpen passiert ist, wissen wir nicht. Für die Übernahme waren wir bereits „vorgewarnt“: Beide Hündinnen sind in keinem guten Zustand, so die Information, die wir vorweg erhielten. Aus diesem Grund sollten beide Hündinnen zunächst gemeinsam in eine im Umgang mit Zuchthündinnen sehr erfahrene Pflegestelle gehen, damit wir uns in aller Ruhe ein Bild über beide Hündinnen konnten.

Als wir Nele und Jette dann tatsächlich das erste Mal sahen, schossen uns die Tränen in die Augen: Ihr körperlicher Zustand war verheerend. Beide Hündinnen hatten einen starken Flohbefall. Die Gesäuge waren nahezu zum Platzen angeschwollen, rot und heiß vor Entzündung, Milch lief aus den Zitzen. Zwei Augenpaare schauten uns an – nicht nur die Angst, auch die Schmerzen, unter denen beide Hündinnen litten, waren deutlich in ihnen zu sehen. Beide wurden sofort zum Tierarzt gebracht.

Eine der Hündinnen, Nele, war stark unterernährt – jeder Knochen stakste aus ihrem geschundenen Körper. Nele war so geschwächt, dass sie beim Tierarzt zusammenbrach. Das stark entzündete Gesäuge und das Fieber hatten ihren ohnehin schon ausgemergelten Körper extrem belastet. Sie bekam sofort eine erste Infusionen, Antibiotika und Tabletten gegen die Milchproduktion. Weitere Infusionen sollten in den nächsten Tagen folgen, um Nele zu stabilisieren. Auch Jette bekam Antibiotika und Tabletten, hatte aber glücklicherweise nicht ganz so stark unter der Entzündung zu leiden als ihre Leidensgefährtin und zeigte auch körperlich eine stabilere Konstitution.

Die Pflegefamilie von Nele und Jette hatten die ersten Tage alle Hände voll zu tun, um die beiden medizinisch zu versorgen und ihren Seelchen etwas Ruhe und Erholung zu verschaffen. Nach einigen Tagen waren zum Glück die Entzündungen und Schwellungen in den Gesäugen sowie die damit verbundenen Schmerzen zurückgegangen, war die Milchproduktion gestoppt.

Nach etwa einer Woche konnten Nele und Jette endlich ihren ersten Spaziergang in Freiheit machen und genossen ihn sichtlich. Und dann war es soweit: Jette reiste in ihre eigene Pflegestelle, die schon sehnsüchtig auf die kleine Schokomaus wartete. Nele blieb zunächst für vier weitere Wochen in ihrer Pflegestelle, in der sie sich zunehmend erholte. Umso besser ihr körperlicher Zustand wurde, umso stärker kam auch ihr quirliges, lebensbejahendes und neugieriges Wesen zum Vorschein. Auch wenn sie in bestimmten Situationen noch immer Ängste zeigte: Nele genoss ihr neues Leben und brauchte ihre Pflegemama immer weniger. Sie wechselte in eine Pflegestelle mit Bleibeoption, in der sie auch ihr endgültiges Zuhause gefunden hat.

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Fortsetzung von Nele (geschrieben von Nele`s Familie)

Bevor Nele beiuns einzog, hatten wir uns im Vorfeld natürlich über Vermehrer-Zuchthündinneninformiert. Wir waren zu dieser Zeit Mitglieder in einem Tierschutzverein unddort als Pflegestelle mit Bleibeoption geführt. Was wir aber durch und mit Neleerlebten, steht in keiner “Gebrauchsanweisung“ oder findet man in einerInfo-Broschüre, geschweige denn durch Erfahrungsberichte. Denn jeder Hund istanders. Und Vermehrerzuchthunde sind einzigartig.

Am 03.05.2008war es dann soweit und Nele zog bei uns ein, nachdem sie 4 Wochen lang in einerPflegestelle medizinisch versorgt und aufgepäppelt wurde. Nele ist eine brauneLabradorhündin aus einer holländischen “Hundezuchtfarm” und war zu demZeitpunkt circa 5 Jahre alt. Die ersten 4 Wochen bei uns brauchte Nele nochüber 20 Tabletten, spezielle Tropfen und Salben, um zu Kräften zu kommen, umsämtliche Entzündungen in den Griff zu bekommen, gegen Schmerzen und damit ihreWunden besser heilen konnten. Ihr Futter mußte eingeweicht werden, damit sieüberhaupt fressen konnte. Nele wog knapp 19 kg, ihr Gesäuge war stark entzündetund extrem geschwollen, sie hatte kein Fell mehr an den Ohren und der Nase, ihrFell war matt und stumpf, die Hälfte ihrer Zähne mußte in den ersten 4 Wochen(bevor sie zu uns kam) gezogen werden, da diese nicht mehr zu retten gewesensind (verfault, abgebrochen und entzündet). Ihre Krallen waren zu lang, ihrePfotenballen rissig, überall hatte sie verkrustete Liegestellen und überallstachen ihre sämtlichen Knochen hervor. Ihre Nase sah so aus, als ob diese“vertrocknet” und brüchig war; als Vergleich fällt mir nur ein, wie ein alterporöser Gummi. Alles in allem war es ein Bild, dass wir nie wieder vergessenwerden.

Nele hat sehr unter Ängsten gelitten; das sie verlassen wird, dass man sie schlägt oder ineiner anderen Art und Weise misshandelt. In der ersten Woche bei uns ist sie 2x ausgebrochen - Nele konnte Türen öffnen. Und sie hatte kein Vertrauen zuMännern, was es schwieriger machte, da ich arbeiten ging und mein Mann sich zuHause um alles kümmerte. Wenn sie dann doch mal alleine war (d. h. so ganzalleine war sie nicht, da wir noch einen weiteren “normalen” Hund hatten),versuchte sie, ihre Ängste zu kompensieren, indem sie anfing, alles zuzerstören, was sich zerstören lies. Fernbedienungen wurden in sämtlicheEinzelteile zerlegt, die Wandgarderobe im Flur aus der Wand gerissen und Jackenzerpflückt; unachtsam abgestellte Taschen (auch Handtaschen) incl. deren Inhaltwurden ebenfalls hingebungsvoll zerkleinert.

Was auf Tischen und Kommoden abgestellt wurde, Nele konnte alles “gebrauchen”; auch Schuhe gehörten zu ihrer Beute. Auch die Kommode hatte sie zum fressen gern. Ein schwerer, als Schirmständer genutzter Milchkübel wurde ebenfalls durch den Flur gezerrt. Es war nichts mehr sicher vor ihr, sobald sie “alleine” gelassenwurde. Aber man passt sich ja an und so haben wir unsere Garderobe wiederaufgehängt und anstelle von Jacken hängen dort nun Halsbänder und leereKleiderbügel. Auch auf Deko auf der Kommode im Flur wird längst verzichtet.Unsere Schuhe stehen inzwischen im Abstellraum und auch sonst hat sich bei unsviel verändert. Wenn wir mal nicht einer Meinung sind, wird das nicht lautgeäußert, sondern in gedämpften Tonfall oder außer Hörweite von Nele. Einkäufewerden so schnell erledigt wie es geht und sind wir mal beide nicht zuhause undunsere Hunde können nicht mit, wird eben die Wohnzimmer- und Küchentür geschlossen,in der dunklen Jahreszeit wird dann auch ein kleines Licht im Flur angemachtund aus der Küche hört man das Radio laufen. Die Kommode ist inzwischen nichtmehr interessant für sie und auch der “Schirmständer“ steht an seinem Platz.
Schnelle Handbewegungenbrachten Nele völlig aus dem Gleichgewicht, wogegen sie von Streicheleinheitennie genug bekommen konnte. Wenigstens hatte Nele keine Angst vor “normalenAlltagsgeräuschen” wie z. B. Staubsauger oder TV.

Unser ersterVersuch, Nele ein Halsband anzulegen, anstelle des umständlichenBrustgeschirres, scheiterte komplett. Sowie Nele das Halsband anhatte, brachsie in Panik aus und versuchte zu flüchten. Wir hatten wirklichSchwierigkeiten, Nele wieder “einzufangen” um ihr das Halsband wieder abzunehmen.Es dauerte fast 2 Jahre um ihr zu zeigen, dass ein Halsband nichts schlimmesist und inzwischen hat Nele keine Probleme mehr damit; sie freut sich wieverrückt, wenn sie das Halsband sieht, da sie weiß, dass der nächsteSpaziergang ansteht.

Mit der Zeit heilten ihre körperlichen Wunden und sie entwickelte sich zu einem echtenWildfang; bei Spaziergängen tobte sie wie eine “Verrückte” mit anderen Hunden,es konnte nicht schnell genug gehen, mit anderen um die Wette zu laufen undNele strotzte nur so vor Energie. Aber ihr Gesäuge wird sich nie komplettzurückbilden und auch ihre Gelenke und Knochen sind durch die vielen Würfe, diesie hatte, geschädigt. Auch mußten ihr letztes Jahr 3 weitere Zähne gezogenwerden, da diese nicht mehr zu retten waren. Also weichen wir ihr Futter ebenwieder ein, damit sie es leichter hat.

Ihre seelischenWunden werden nie ganz verheilen. Noch heute erschrickt sie bei schnellenHandbewegungen und alleine bleiben fällt ihr noch immer schwer; ihreZerstörungswut hat sie aber, gott sei dank, abgelegt und sie begnügt sichdamit, mal einen ausrangierten Schuh mit in ihren Korb zu nehmen und diesen zubewachen, ohne ihn zu zerkauen. Dicke Freundschaft zu Männern kann sie nach wievor nicht schließen, doch sie hat gelernt, dass nicht alle Menschen (vor allemMänner) schlecht sind. Und meinen Mann liebt sie heiß und innig.

Nele ist einzigartig. Sie ist verspielt, wissbegierig, möchte überall dabei sein, sie ist unglaublich geduldig mit anderen Hunden (vor allem mit jungen Hunden), zeigt nicht die geringsten Anzeichen von Aggression und sie ist unglaublich liebesbedürftig und anhänglich. Und auch das mußten wir lernen, keinen Schritt mehr alleine machen zu können, irgendwie immer eine Hand nach unten zustrecken, um, egal an welcher Stelle des Hundes, diesen ausdauernd zu kraulen. Und die Liebe, die man Nele gibt, bekommt man 1000-fach zurück.
Wir mußten auch lernen, alles mit Ruhe angehen zu lassen, viel Geduld zu haben und Nele dieZeit zu geben, die sie brauchte, um “anzukommen”, sich geborgen und inSicherheit zu fühlen. Und mit Abstand war Nele das Beste, was uns “passieren”konnte.

Und solange esMenschen gibt, die sich für wenig Geld einen “guten” Hund holen, Käufe auf Hinterhöfen, aus Kofferräumen und Kisten oder Märkten, solange wird es auch Hunde wie Nele geben. Geschundene Seelen, die nie erfahren werden, wie es ist,auf Gras zu laufen, durch einen Wald zu toben, gesundes und gutes Futter zubekommen und eine Hand zu spüren, die liebevoll streichelt; die kein Glückhaben, gerettet zu werden.

Aufklärung ist wichtig! Menschen müssen sich vorher Gedanken darüber machen:
- Was möchte ichfür eine Rasse und was möchte mit meinem Hund tun?
- Soll ersportlich sein oder doch lieber ein ruhiger Artgenosse?
- Wie ist derZüchter? Wo ist der Züchter?
- Wie hält derZüchter seine Hunde?
- Zeigt mir derZüchter die Elterntiere und/oder wie seine Hunde leben?
- Haben die Hunde Papiere?
- Wie sieht esmit der “Ahnentafel” der Hunde aus?
- Wie sieht es mit Krankheiten aus (Gendefekte, Inzucht, etc.)
- Kann ichmeinem Hund überhaupt gerecht werden? Zeitlich, finanziell, sozial?

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