Mocca und Wanda- Ohne Gras und Sonne...




Nein, wir wollten keinen Hund mehr. Nein, wir wollten jetzt mal eine Hundepause. Nachdem unser letzter Notfall im Juli 2009 von uns ging, hatten wir das so beschlossen. Wir hatten innerhalb von 3 Jahren 3 Hunde verloren. Jeder von ihnen war ein Notfall, Scheidungsopfer, Tierheimhund, alt und krank...
Nein, jetzt machen wir mal das, was mit Hund immer problematisch war. Kurzurlaub, Städte ansehen, bummeln, nicht ständig auf die Uhr sehen müssen, weil Zuhause ein oder zwei Vierbeiner warten. Unsere Seelen brauchten auch mal eine "Auszeit". Hat uns doch der Todunserer geliebten Fellnasen immer ein Stück aus dem Herzen gerissen.
Im Oktober 2009 fuhren wir zwei kleine Vermehrhündinnen in eine Pflegefamilie. Wanda und Mocca. Nie werde ichvergessen, wie panisch sie bei der Fahrt reagierten. Zwei dünne, Stinkende Fellbündel. Nicht aggressiv, aber große Angst vor dem was jetzt kommt. Unterwegs fing es auch noch an zu regnen. Das Geprassel auf dem Dach ließ ihre Augen vor Angst weiten. Ich saß mit ihnen auf dem Boden im Vito. Eine links, die andere rechts im Arm. Die kleinen Herzen schlugen so schnell und beide hechelten vor Panik. Angekommen in der Pflegestelle waren sie wie "Stofftiere“. Aussteigen? Nee! Also tragen. Wie Stofftiere. Unsere Aufgabe war erfüllt.
Erst jetzt beschäftigten wir uns mit der Vergangenheit von Mocca und Wanda. Eine "Vermehrhölle", aus denen die beiden von BSiN befreit wurden, war uns bisher unbekannt und für uns auch unvorstellbar.
Aufgewachsen in einem "Bunker" aus Beton. Ohne Gras und Sonne. Ohne eine liebevolle streichelnde Menschenhand. Ein bisschen Holzspäne als Einstreu. Wenn es denn mal Futter gab, musste jede sehen, dass sie was abbekam. Bei der ersten Hitze schon gedeckt. Sie waren doch selber noch gar nicht ausgewachsen. Vergewaltigt von Rüden, die nicht anderskonnten, weil ihnen Hormone gespritzt wurden. Wenn ihre Babys geboren waren, wurden sie ihnen viel zu früh weggenommen und als "Billigwelpen „im Internet verkauft.
Ein Glück für die beiden, dass sie krank wurden. Ja, richtig. Ein Glück! So waren sie für den "Vermehrer" nicht mehr produktiv. "Die könnt ihr haben. Die bringen es nicht mehr!" So können wir uns seine Wortevorstellen.
Wanda und Mocca (beide waren vier Jahre alt)wurden sofort medizinisch versorgt und notoperiert, als sie diese Hölle verlassen durften. Dank vieler lieber Helfer haben sie überlebt.
Wir besuchten Wanda und Mocca regelmäßig einmal in der Woche in der Pflegestelle. Obwohl es nicht "unsere Hunde" waren, ging uns ihr Schicksal nicht aus dem Kopf. Wenn wir kamen, lagen sie immer zusammengekuschelt aneinander, kamen nicht auf uns zu. Wir setzten uns zu ihnen streichelten, kuschelten. Sie ließen das auch über sichergehen, obwohl wir im Nachhinein denken, es war für sie Stress pur. Moccas Kopf zuckte immer hin und her bei der kleinsten Erregung. Sie hatte wohl einen Tick zurückbehalten.
Ende November kam der Anruf aus der Pflegestelle, es gab einen Bewerber für eine der beiden. Für eine? Oh, mein Gott! Die beiden kann man doch nicht trennen. Die sind doch wie siamesische Zwillinge. Haben miteinander die Hölle durch! Putzen sich gegenseitig die Augen und Ohren sauber. Machen alles zusammen. Die brauchen sich doch gegenseitig! Die Vorstellung war für uns unmöglich, diese Hündinnen zu trennen. Wir haben sofort bei dem Verein angerufen, dass wir bereit sind, die beiden zu übernehmen.
Aus heutiger Sicht sind wir zwar der Meinung, jede einzelne hätte sich bei einem souveränen Zweithund sicher schneller zu einem normalen Hund entwickelt, schneller Vertrauen zu Menschen gefasst, aber wir sind froh, dass sie heute noch immer zusammen sind.
Anfang Dezember kamen sie zu uns. Wir hatten ihnen Bettchen in einer ruhigen Ecke im Wohnzimmer vorbereitet. Aber nein, sielegten sich vor die Couch. Ok. Dann hatten wir erst einmal das „Türproblem". Sie gingen nicht durch die Haustür. Lagen einfachwieder mal wie Stofftiere vor ihrer Couch und machten nichts. Keine Regung, wenn Besuch kam. Nichts schien sie zu interessieren. Spielzeug schon mal gar nicht. Woher sollten sie das auch kennen. Man konnte sie streicheln undkuscheln. Aber ob sie es so sehr genossen haben wie wir, mag ich zu bezweifeln. Bei ihnen ging alles nur in Zeitlupe. Die Gewöhnung an Kamm und Bürste klappte ganz gut. Aber eben auch nur in Zeitlupe. Immer mal wieder ein wenig mehr. Beim Futter dagegen, wurde alles turboschnell verputzt. So etwas hatten wir bisher noch nie erlebt. Innerhalb von Sekunden wurde der Inhalt vom Napf „aufgesogen".
Stubenrein waren sie natürlich auch nicht. In Windeseile verschlangen sie ihren Kot vom Teppich oder von den Fliesen, um ihren Bereich sauber zu halten. Uns war klar: Da haben wir eine echte Aufgabeübernommen, die sehr viel Geduld und Einfühlungsvermögen kosten wird.
Bald hatten wir es aber geschafft, dass die beiden die kleine Wiese vor der Haustür als ihre Toilette annahmen. Es ging schwupp raus, Pipi machen. Schwupp rein, wieder schnell vor die sichere Couch. Wir haben ein Grundstück von 3.560 m². Aber die beiden Mäuse waren erst einmal nicht zu bewegen, hier etwas zu entdecken oder einen Spaziergang zu machen. Die Welt war viel zu groß.
Ich weiß noch wie heute, als mein Mann und ich am Wohnzimmerfenster standen, hinunter auf den Hof blickten und vor lauter Freude geweint haben, als Wanda sich zum ersten mal getraut hatte, um die Hausecke zu gehen und ein Stück des Grundstücks zu erkunden. Irgendwann ging auch Mocca mit. Immer vorsichtig und geduckt. Dann stand sie plötzlich da als habe sie sich vor sich selbst erschrocken. "Huch, was hab ich michgetraut", und ab ging´s schnell ums Haus gedüst und vor die sichere Couch.
An Spaziergänge draußen war gar nicht zu denken. Sobald sie das Geschirr oder die Leine sahen, drückten sie sich fest an den Boden und nichts ging mehr. Wir fingen mit leichten Tüchern, die wir um ihren Hals banden an, sie daran zu gewöhnen, etwas an zu haben. Bald folgte das Halsband, das sie Tag und Nacht trugen.
Wir baten unsere Nachbarn uns mit ihren Hunden zu besuchen, damit die Mädchen Abwechslung und mehr Sicherheit bekamen. Die machten das auch gerne. Wanda und Mocca hatten aber kein großes Interesse an Artgenossen. Diese wurden zwar immer akzeptiert, aber Spielen mit anderen Hunden hatten sie eben nie gelernt.
Als unser Enkelkind zu Besuch kam, sagte ich ihr: "Wanda und Mocca sind anders, als die Hunde, die wir bisher hatten." Ich erzählte ihr vom bisherigen Leben der beiden. Die Frage der gerade 6jährigen: "Warum tun Menschen den Tieren so etwas an? Aber Omi du weißt doch, dass ich mit Tieren reden kann. Mach dir mal keine Sorgen." Die Kleine war schon sehr hundeerfahren. Ist sie doch mit unseren großen Hunden aufgewachsen, und nie gab es ein Missverständnis oder eine gefährliche Situation zwischen Hund und Kind. Die Kleine stellte sich ins Wohnzimmer vor Wanda und Mocca hin und meinte: "Seht mal her. Ich bin ein Kind. Ihr beide kennt noch keine Kinder. Kinder sind kleine Menschen, die auch mal groß werden. Ihr braucht keine Angst zu haben." Sie hockte sich hin, hielt ihre Händchen in Richtung der Schnauzen und Wanda und Mocca schnüffelten interessiert. Keine hektischen Bewegungen, alles in Ruhe, und nach ca. 3 Minuten saß die Kleine zwischen den Fellnasen und konnte beide kuscheln. Gut gemacht, kleiner Schatz!
Ein tolles Erlebnis war auch, als es nachts zum ersten Mal geschneit hatte. Der erste Schnee für zwei Hündinnen nach VierJahren. Wanda machte den ersten Schritt nach draußen. Vorsichtig und geduckt vor dieser neuen weißen Welt. Dann wurde probiert, wie das Zeug schmeckt. Ununterbrochen leckte sie den Schnee auf und fand das gar nicht mehr so gefährlich. Mocca und Wanda rannten bald durch den Schnee, als seien sie eben erst geborenworden und entdeckten eine neue Welt. Schön, war das. Der Weg zu glücklichen Hundemädchen war wieder ein bisschen näher gerückt. Das Vertrauen der beiden zu uns war inzwischen gut geprägt.
Mit Wanda konnte ich bald spazieren gehen. Ohne Leine. Sie hatte nur das Halsband an. Sie folgte mir, vertraute mir. Wie hab ich das genossen. Sie lief nie vor. Immer neben oder hinter mir. Selbstdurch unseren kleinen Ort. Bei Begegnungen mit fremden Menschen wurde sieunsicher, blieb aber immer bei mir.
Dann kam der Tag des ersten Rückschritts. Es lag dicker Schnee. Ich war mit Wanda unterwegs. In einem Haus bellte ein kleiner Hund. Wanda wollte da hin und ohne nachzudenken, griff ich in ihr Halsband, um sie festzuhalten. Panisch riss sie sich los, weg von mir. Oh mein Gott! Wie konnte ich nur so blöde sein. Sie ließ sich nicht mehr locken. Blieb zwar immer in Sichtweite, kam aber nicht mehr auf mich zu. Ich war so traurig und wütend auf mich selbst. Hatte ich doch wochenlange Arbeit mit einem Griffkaputt gemacht. Wanda lief, sobald ich auf sie zuging weiter von mir weg. Sie blieb immer noch in Sichtweite. Ich sah, wie sie anfing zu humpeln. Jetzt hatte sie sich wohlmöglich noch verletzt. Meine Verzweiflung wuchs. Mein Mann kam, um mir zu helfen. Aber auch vor ihm lief sie weg. Er war so wütend auf mich. Hatten wir doch oft schon Diskussionen darüber geführt, dass das was ich macheeinfach verantwortungslos ist. Er hatte ja Recht.
Wanda humpelte immer mehr. Dann konnte sie gar nicht mehr laufen und legte sich in den Schnee. Jetzt kamen wir an sie ran. Gott sei Dank hatte sie sich nicht verletzt. Aber die Schneeklumpen zwischenihren Zehen, hinderte sie daran weiter zu laufen. Mein Mann trug sie nachhause. Was würde jetzt passieren. Hatte ich wirklich ihr Vertrauen totalverloren? Wanda machte sich ein Nest an einem schneefreien Platz bei den Mülltonnen. Wir ließen sie ganz in Ruhe. Ich weinte in mich hinein. War jetztalles zerstört? Müssen wir jetzt ganz von vorne anfangen?
Nach einer Weile ging ich mit Mocca auf die Wiese, so dass Wanda uns beobachten konnte. Wir tobten ein bisschen rum und es gab Leckerchen. Dann geschah ein Wunder: Wanda kam wie selbstverständlich dazu und wir spielten zusammen. Sie ließ sich kuscheln und ging mit ins Haus, als sei nichts passiert. Dieses Glücksgefühl kann ich kaum beschreiben! Puhh, mir fiel ein Fels vom Herzen.
Wanda ist sehr sensibel. Aus manchmal für uns Menschen unerklärlichen Gründen, reagierte sie in manchen Situationen noch oft mit "Zusammenfall". So z.B. als mein Bruder mit meinem Neffen und Hund zu Besuch war. Was es war und in ihr Panik auslöste, wir wissen es bis heute nicht. Wanda begrüßte den Hund, dann suchte sich die hinterste Ecke in unserem Wald, legte sich hin und rührte sich nicht mehr. Ähnliches passierte später auf einem Spaziergang mit einem Blechbeschlagenen Schuppen. Sie schauten der Wand hoch, fiel zusammen, drückte sich an den Boden und stand nichtwieder auf. Was mögen in ihr für schlimme Erinnerungen feststecken.
Im Februar 2010 kam ein Anruf von einemTierschutzverein. Ein 11 jähriger, sehr vernachlässigter Rüde brauchte dringend eine Pflegefamilie. Wir sagten: ja. Für ein paar Tage wird das gehen, bis er eine Endfamilie findet. Aber es kam anders. Sancho kam sah und siegte. Ein Hund, den man sofort lieb haben musste, der unsere Herzen im Sturm eroberte. Wanda und Mocca schlossen sich ihm sofort an. Bereits in der ersten Nachtkuschelten alle Fellnasen wie ein Paket zusammen. Uns war klar: Der tolle Bursche bleibt. Er wird uns allen gut tun. Mit ihm als Lehrmeister würden wir und unsere Mädels schnell Fortschritte machen.
Und so war es. Sancho fuhr super gerne Auto. Und so brachte er Wanda und Mocca dazu, die Angst vor dem Autofahren zu verlieren. Immer in kleinen Schritten. Sancho lag auf der Rückbank und ichsetzte mich mit einer Schüssel mit Fleischwurststücken neben ihn. Die Mädels trauten sich. Sie sprangen ins Auto, holten sich ein Stück Wurst und schwupp wieder raus. Und wieder rein und raus. Bald blieben sie freiwillig im Auto und wir schlossen die Türe. Sanchos Souveränität und Gelassenheit gab den Beiden Sicherheit.
Sancho freute sich, wenn Geschirr und Leinegenommen wurde. Einer von uns ging täglich mit ihm eine Runde. Diese Freudekonnten Wanda und Mocca lange noch nicht teilen. Aber sie schauten interessiert, wie er sich das Geschirr anlegen ließ und dem ganzen Ort mit seinem Freudengebell "Bescheid" sagte. Schritt für Schritt verloren auch die Mädels ihre Scheu vor dem Geschirr. Wenn wir es ihnen angelegt hatten, gingen wir zunächst ohne Leine raus auf unsere Wiese, spielten Suchspiele, Verstecken und Leckerchen von Bäumen pflücken. Diese Spiele spielten wir auch schon vorher. Aber ab sofort wurde nur noch mit Geschirr gespielt. Ich brauche hier sicher nicht zu beschreiben, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Übungen verging. Aber das war egal. Wir wollten keine Rückschritte mehr!
Sancho liebte seinen Fußball. Er versuchte den beiden Mädels das Spielen beizubringen. Wanda schaute es ihm ab und wir warenglücklich als sie zum ersten mal dem Ding hinterherrannte und auf der Wieseeinen Freudentanz hinlegte.
Mocca spielte anders. Auch heute noch: Wenn sie ihren "Turbodüseanfall" bekommt, geht am besten jeder aus dem Weg. Sie rennt alles um, was im Weg steht, ob Mensch oder Hund, oder.....Schubkarre! Dabei scheint sie immer zu lachen und hobst und rennt wie ein Flummi über das ganze Grundstück, durch den Wald, um das Haus, um dann in einemAffenzahn vor ihrer Couch zu landen. Auch probiert sie alles was ihr essbarerscheint. Tulpenköpfe, Löwenzahnblüten, Gänseblümchen...Leider kennt sie keine „Fressbremse". Meistens landen dann die verspeisten Blumen als Brei auf dem Teppich. Das Kopfzucken hat sich bei ihr ganz gelegt. Was sie noch immer ab und zu macht ist, sich in die Hinterpfoten beißen. Das war am Anfang ganz schlimm und passierte mehrmals täglich. Die Tierärztin meinte, das sei eine Marotte, die man ihr schlecht abgewöhnen kann.
Mocca ist eine fröhliche Hündin geworden. Sie geht heute locker auf fremde Menschen zu, lässt sich durch wuseln und findet Besuch toll.
Wanda ist die Zarte. Wenn sie jemanden kennt, ist streicheln auch ok. Aber bitte zärtlich und nicht mit hektischen Bewegungen. Macht man bei ihr eh nicht. Sie hat ein Fell wie Samt und Seide, das lässt sich nicht wuseln. Oft verhält sie sich katzenhaft. Gibt Köpfchen, drückt sich fest an uns und möchte am liebsten in uns rein krabbeln.
Auch Wanda hat sich zu einem glücklichen Hund entwickelt. So verschieden die beiden auch sind, wir sind heute froh, dass sie nicht getrennt wurden. Noch heute putzen sie sich gegenseitig die Augen und lecken sich die Ohren aus. Sie lieben sich und uns. Es war ein langer Weg, der sich gelohnt hat.
Am 01. Juni 2011 starb unser Sanchokuschelbär an Prostatakrebs. Wir werden ihn immer in unseren Herzen behalten und sind ihm unendlich dankbar, dass er uns, Wanda und Mocca ein Stück in unserem Leben begleitet hat.

copyright © 2012 by Marita Bähr