Minou, Angst essen die Seele auf...


Als mein Mann und ich uns vor ca.einem Jahr dazu entschlossen, zu unserem Retriever-Mädel "Angel" eine Kameradin zu holen, da dachten wir beide an etwa folgendes: Es sollte eine Hündin sein, Rassehund oder Mischling war uns egal, etwa in Angels Alter, aufgewecktund quirlig, damit Angel und sie auch von ihrem Wesen gut zusammenpassen würden und selbstverständlich ein Hund vom Tierschutz. So war unsereVorstellung.

Aber wie so oft im Leben kam dannalles ganz anders. Bei der Internetrecherche nach unserem "Idealhund"stolperten wir über die Bilder von Minou, einer ehemaligen Vermehrerhündin.
Ab diesem Zeitpunkt war uns klar, dass unser"Idealhund" ein ganz anderer sein würde: Nicht quirlig und aufgewecktsondern ängstlich, panisch, unsicher. Dieser flehentliche Blick, ihr bitte,bitte doch nicht weh zu tun hatte sich uns eingebrannt und nicht mehrlosgelassen. Die Entscheidung, den Bewerbungsbogen für Minou auszufüllen undabzuschicken war für uns die logische Konsequenz.

Als wir sie Mitte Juni 2009 bei ihrerPflegefamilie abholten, war uns klar, dass wir auch damit ein Abenteuerbeginnen würden, von dessen Ausgang wir keine Kenntnis haben. Aber wir hattenund haben den festen und unwiderruflichen Wunsch Minou das zu bieten, was siebis dahin entbehren musste: Geliebt und beschützt zu werden, eingebunden inihre Familie, irgendwann frei von jeder Angst. Damit begann unser gemeinsamerWeg der kleinen Schritte. Für Außenstehende oftmals nicht wirklich sichtbar,aber für uns ein Weg der kleinen Erfolge, zentimeterweise immer voraus, niezurück.

Doch wie geht man mit einer Hündinum, die in ihrem Herzen nur Angst, Flucht und Dunkelheit kennt? Kann man sichals Mensch das überhaupt vorstellen? Immer Angst zu haben, vor allem und jedem?Auch für uns war das Neuland. Wie geht man mit dieser alles andereüberschattende Angst um? Gehen wir darauf ein oder beachten wir diese Angstnicht um sie nicht noch mehr zu verunsichern? Wir lernen gerade genauso wieMinou dazu. Die wichtigste Entscheidung für uns war jedoch: Wir erwarten nichtszu keiner Zeit.

Zum Anfang hatte Minou sehr großeAngst vor allen Geräuschen, Bewegungen, den Katzen, allen uns soselbstverständlichen Alltagsgegenständen wie z.B. Besen, Taschen, aber auchZeitungen, die im Weg liegen oder auch verrückbare Möbel, die nicht auf demvertrauten Platz stehen. Sie benutzt noch keine Kudden oder andere Körbchen.Alles muss klar erkennbar und einzuordnen sein, damit sie damit umgehen kann.Was heute so ist sollte morgen auch noch so sein, sonst reagiert sie mit großerVerunsicherung und mit Flucht nach hinten. Sie braucht ein festes Gerüst inihrem Alltag. Aber auch hier erobert sie sich Stück für Stück ihre Umwelt: DieTür kann schon mal hinter ihr zugemacht werden und muss nicht offen stehenbleiben. Man kann sie über den Kopf streicheln ohne dass sie sich unterwürfigauf den Boden fallen lässt. Sie hat gelernt, die Treppe zu laufen und auch übereinen kleinen Absatz unserer Terrassentüre zu springen. Nachts träumt sie oftund fängt an zu schreien. Ob sie verarbeitet, was sie jahrelang an Qualen übersich ergehen lassen musste? Gassigehen ist nach wie vor sehr mit Angstbehaftet, hier wird sie noch lange Zeit brauchen.

Im Umgang mit anderen Menschen ist sie schüchtern und unterwürfig, immer guten Willens zu gefallen. Sie ist von ihrem Wesen her unglaublich verschmust und freundlich. Eigentlich ein Wunder,wenn man bedenkt, dass sie die ersten sechs Jahre ihres Lebens in einem Erdlochhauste, sie Angst und Schmerz erleiden und erdulden musste.

Minou hat eine Fehlstellung derHinterbeine, die sich vor allem beim Laufen mit Schleifen der Pfoten oder auchin einem schwankenden Gang bemerkbar macht. Schlechte Ernährung oder ist siegeschlagen worden? Sicherlich beides. Sie sieht auch nicht besonders gut, ihreAugen bedürfen noch mal einer genaueren Untersuchung.

Zu keiner Zeit haben wir bereut, Minou zu uns geholt zu haben. Im Gegenteil, sie lehrt uns Behutsamkeit, Geduldund Verständnis und beschenkt uns mit ihrer ganzen Liebe. Angel ist nunSpielkameradin, aber auch Wegbegleiterin und Wegbereiterin.

Wir hoffen, dass Minou noch lange Jahre bei uns sein kann, damit wir die Gelegenheit bekommen alles an ihrgutzumachen, was sie in ihrem Leben ertragen musste.

copyright © 2009 by Iris Hahnrath