"Lines" mein Abenteuer


Seit 2006 war ich für einen Tierschutzverein als Pflegestelle tätig und hatte bereits 12 Hunde auf ihr neues Leben „vorbereitet“.
In dieser Zeit habe ich Hunde von jung bis alt, krank oder gesund, ängstlich oder dominant gepflegt und war der Meinung, dass mich nichts mehr erschüttern kann.
Aber dann kam der 17.10.2008 und ich wurde eines besseren belehrt. Ich sollte an diesem Tag einen ängstlichen 10 Monate alten Golden Retriever Rüden in Pflege nehmen. Er kam von einem Vermehrer. Dieser junge Hund kannte absolut nichts. Kein Gras, kein Teppich, kein Holzfußboden, keine Leben im Haus ganz zu schweigen von den alltäglichen Dingen, die in einer Familie so passieren.
Ich fuhr an diesem Tag zu dem Treffpunkt, wo mir Lines übergeben werden sollte. Als die Tür des Autos geöffnet wurde schlug mir ein fürchterlicher Gestank entgegen.
Die Fahrkettenteilnehmerin meinte, ich soll bitte Lines selbst aus dem Auto tragen, sie müsste noch weiter fahren und wolle sich die Klamotten nicht versauen.
Ich war so schockiert über den Gestank und das Aussehen der Hunde, dass mir einfach nur die Worte fehlten. Irgendwie habe ich es geschafft, diesen total panischen Hund in mein Auto zu tragen und dort zu sichern. Zu Hause angekommen habe ich Lines gemeinsam mit meinem Mann zusätzlich zum Geschirr ein Halsband angelegt und mit zwei Leinen gesichert. Aber Lines wollte nicht aus dem Auto, also musste ich ihn wieder tragen. Im Garten angekommen wollten ihn meine beiden Goldie-Rüden Ben und Sammy natürlich begrüßen. Aber ich glaube, die beiden fanden den Gestank auch nicht wirklich toll.
Eigentlich war es bei uns ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Hunde nicht gleich nach der Ankunft gebadet wurden. Bei Lines mussten wir aber eine Ausnahme machen.

Warum, sieht man auf diesen Bildern. Zum vergrößern, die Bilder anklicken!

Lines ließ es stocksteif über sich ergehen. Ich hatte bis dahin noch nie so einen ängstlichen, eigentlich panischen Hund gesehen. Er wollte von uns Menschen nichts wissen. Wie ich mittlerweile erfahren hatte, hatte Lines in seinem bisherigen kurzen Leben nur Schläge, Tritte, verdorbenes Essen, abgestandenes Wasser usw. kennen gelernt. Nie ein liebes Wort oder Streicheleinheiten.
Vor Männer hatte er Panik. Da war er bei uns nicht unbedingt an der richtigen Stelle, da ich ja nicht nur einen Mann habe, sondern auch noch zwei Söhne.
Meine erste Überlegung war, ihn in eine Pflegestelle zu geben, wo keine Männer sind. Aber nach Gesprächen mit meinem Mann sind wir dann zu der Überzeugung gekommen, dass er diesen Zustand aushalten muss. Sonst würde er womöglich seine Angst vor Männer nie verlieren.
So begann unser Abenteuer „Lines“
Lines versteckte sich tagsüber immer in der Ecke zwischen unseren beiden Sofas im Wohnzimmer, damit er uns ja nicht über die Füße lief. Seine Geschäfte erledigte er nachts im Esszimmer. Wasser und Futter habe ich ihm in die Nähe seines Verstecks gestellt, ansonsten haben wir ihn erst mal vollkommen ignoriert. Das fällt allerdings sehr schwer, wenn man die traurigen Augen eines derart traumatisierten Hundes sieht.
Mit Ben und Sammy habe ich in dieser Zeit sehr oft im Wohnzimmer gespielt und geschmust, damit er sehen konnte, dass von uns nichts Schlimmes kommt. Nach ca. zwei Wochen waren Ben, Sammy und ich so nah an Lines Versteck, das ich nur den Arm austrecken brauchte um ihn zu berühren. Und er ließ es sogar für einen kurzen Moment zu. Nach ein paar weiteren Tagen war es dann soweit. Lines kam, sobald mein Mann und meine Söhne aus dem Haus waren, auch aus seinem Versteck.
Nun konnte ich anfangen, ihn an die Leine zu gewöhnen. Das sollte aber auch wieder eine fast unlösbare Aufgabe werden. Sobald ich mit der Leine in der Hand auftauchte, verschwand er wieder in seinem Versteck.
Aber wie auf dem nächsten Bild zu sehen ist, haben wir auch das geschafft.
Ich habe die Leine einfach immer irgendwo auf den Fußboden gelegt und Lines überhaupt nicht beachtet. Dann rief ich Ben oder Sammy und ließ sie daran schnüffeln oder die Leckerchen fressen, die ich dabei gelegt hatte.

Nach ein paar Tagen konnte ich Lines die Leine anlegen. Er wurde dann überschwänglich gelobt. Es dauerte dann auch nicht mehr lange und er ging, die Leine hinter sich her ziehend, durchs Haus und dann auch irgendwann das erste Mal in den Garten.
Aber ans Gassi-Gehen konnten wir noch lange nicht denken.

Er ging zwar jetzt zusammen mit Ben und Sammy in den Garten, aber auch dort hielt er vor uns Menschen immer am liebsten viel Abstand.
Die beiden nachfolgenden Bilder sind von Ende November 2008. Lines akzeptierte es mittlerweile, wenn er die Leine hinter sich her zog. Sobald aber einer von uns das andere Ende der Leine in die Hand nahm war die Panik gleich wieder da und er war nur noch ein Häufchen Elend.

Am 24.12.2008 bekam ich dann das schönste Weihnachtsgeschenk. Lines war bereit, zusammen mit Ben, Sammy und mir eine Mini-Runde in unserer Straße zu gehen. Es ist eine sehr ruhige Nebenstraße die zu einer Wiese führt. Allerdings war Lines sehr froh als wir wieder zu Hause waren. Aber von diesem Tag an konnten wir unsere Gassi-Runden Stückchen für Stückchen verlängern.
Anfang 2009 hatte sich Lines auch an meinen Mann und meine Söhne gewöhnt. Im Haus und Garten wurde er immer sicherer. Aber vor allem Unbekannten hatte er nach wie vor große Angst. Seine Patentante schickte ihm ein Päckchen und er stand wie eine Statue im Wohnzimmer als ich es auspackte und die Sachen auf dem Boden verteilte. Hier konnte man richtig sehen, wie unsicher und ängstlich er noch war. Auf der einen Seite wollte er gerne zu den Leckerchen, traute sich aber nicht, weil ihm das alles viel zu suspekt war.
Zwischenzeitlich hatten wir Lines „adoptiert“. Keiner von uns konnte ihn wieder gehen lassen.
Auch im Früh-Sommer 2009 hatte Lines noch manchmal diese traurigen Augen, wie auf dem unteren Bild. Dann fragte ich mich, ob ich wirklich alles richtig mache und diesem ängstlichen Hund auch gerecht werde.

Aber die Tage, an denen Lines meine Nähe suchte und schmusen wollte, wurden immer mehr. Selbst meinen drei Männern vertraute er jetzt immer mehr.

Nur Spazierengehen wollte er mit ihnen nicht, wenn ich nicht dabei war. Das war nicht unser einziges Problem, welches wir noch bewältigen mussten. Lines wollte absolut nicht mit im Auto fahren. Selbst wenn Ben und Sammy dabei waren nicht.
Als unser Sammy dann ziemlich krank wurde und ich mit ihm viel zum Tierarzt musste, blieb Lines allerdings nichts anderes übrig als notgedrungen mit zu fahren. Er wollte nämlich auch nicht mit Ben alleine zu Haus bleiben. So lernte er dann, das Autofahren nichts Schlimmes ist.
Einen kleinen Rückschlag in der Entwicklung von Lines erlebten wir, als wir unseren Sammy im Juni 2010 von seinen Leiden erlösen mussten und nun dieser souveräne Rüde in dem kleinen Rudel fehlte. Lines war eine Zeit lang wieder ziemlich verunsichert.
Davon war im Spätsommer 2010 nichts mehr zu merken. Da waren wir mit den Hunden im Urlaub an der Nordsee. Es war für Lines der erste Urlaub und wir hatten den Eindruck, dass er wirklich glücklich ist.

Die folgenden Bilder zeigen Lines wie er zwischenzeitlich ist. Ein stolzer Goldie-Rüde .
Er ist zwar nach wie vor bei allem Neuen sehr vorsichtig und zurückhaltend sowie bei lauten unbekannten Geräuschen schreckhaft, aber alles in allem ein zufriedener glücklicher Hund, der mit seiner schlimmen Vergangenheit abgeschlossen hat.

Nachdem wir das Kapitel „panischer Junghund“ recht erfolgreich abgeschlossen hatten, wollte ich im Herbst 2010 meinen Goldie-Rüden Ben zum Therapiehund ausbilden lassen. Lines hatte ich bei dem Eignungstest für Ben eigentlich nur dabei, weil er nicht den ganzen Tag alleine zu Hause bleiben sollte.
Auf die Frage der Ausbilder, warum ich nicht auch mit ihm die Ausbildung machen will, habe ich die Geschichte von Lines erzählt.
Die Hunde-Ausbilderin meinte, ich soll mit Lines am Eignungstest teilnehmen. Sie wäre der Meinung, er würde ein toller Therapiehund.
Gesagt, getan. Und beide Fellnasen haben diesen Test mit Bravour bestanden. Während der Ausbildung wurde Lines immer sicherer und selbstbewusster.

Nach bestandener Prüfung im Januar 2011 besuchen wir nun Schulen, Kindergärten, Alten- und Pflegeheime sowie Einrichtungen für behinderte Menschen.

Wenn ich heute, nach 3 ½ Jahren, zurückblicke bin ich froh, dass ich mich auf das „Abenteuer“ eingelassen habe. Nicht nur Lines hat in dieser Zeit unheimlich viel gelernt, sondern ich auch.
Lines ist nach wie vor noch bei allem Neuen bzw. Unbekannten ein vorsichtiger bzw. zurückhaltender Rüde. Aber er ist auch sehr neugierig, lernwillig und hat großes Vertrauen zu mir. Das ist in ungewohnten Situationen sehr hilfreich.
Geholfen haben ihm in der Zeit natürlich auch Ben und Sammy. An ihnen hat er sich immer orientiert.
Heute ist Lines zusammen mit Ben ein absolutes Dream-Team

 

copyright © 2012 by Ilja Hermann