Die Geschichte unserer Kim


Als Kim, unsere schwarzeLabradorhündin (ehemals Vermehrerzuchthündin), bei uns einzog, dachten wir,schon viel über Vermehrerzuchthunde gelernt zu haben, auch durch unsere Nele.Aber Kim belehrte uns eines Besseren.

Aufgrund unserer Mitgliedschaft ineinem Retriever-Tierschutzverein waren wir als Pflegestelle vermerkt und so kamder Tag, an dem wir gefragt wurden, erneut eine Hündin aufzunehmen, sieaufzupäppeln und zu pflegen, sie an ein “normales” Hundeleben zu gewöhnen um ihrim Anschluß in einer lieben Familie ein neues und gutes Zuhause schenken zukönnen.

Und so kam der Tag -es war der28.05.2008-, an dem mein Mann losfuhr, um zu einer Fahrkette zu gelangen, woihm unsere Kim übergeben wurde. Der Anblick von Kim war schockierend - eineHündin, die voller Angst panisch versuchte, unter das Auto zu flüchten, diesich ganz fest auf den Boden drückte und deren Rute unter ihrem Bauch bis zuihren Vorderläufen steckte und deren beinahe schwarze Augen panisch geweitetwaren. Mit viel Ruhe und Geduld gelang es dann, Kim ins Auto zu heben, umendlich die Heimreise antreten zu können.

Zuhause angekommen flüchtete Kim sich in die nächstbeste Ecke unseres Flures, machte sich so klein sie nurkonnte und wir liesen sie sich beruhigen. Unsere beiden Hunde spürten die Angstund Panik von Kim, gingen nur kurz zu ihr und legten sich danach ganz still inihre eigenen Körbe.

Schnell stellte sich heraus, dass Kim nicht stubenrein war und zudem auch läufig. Und Kim konnte sich vor all ihrer Angst nicht bewegen. So lag sie eine ganze Woche fast auf der selbenStelle im Flur, machte unter sich und es war nicht möglich, sie zu berührenoder ihr das Halsband und Brustgeschirr abzunehmen oder ihren “Platz“ zureinigen. Mein Mann und ich schliefen im Wechsel im Wohnzimmer, so dass Kimmerkte, dass immer jemand da und sie nicht alleine war. Kim lies keinen Menschnäher kommen als höchstens 3 Meter. Und so verbrachte mein Mann jede freieMinute damit, sich in ihre Nähe zu setzen, sich selbst so klein wie möglich zumachen und ihr immer wieder ein paar Lekkerlies zuzuschieben, mit ganz leiserruhiger Stimme zu ihr zu reden und sie aber dabei nicht anzusehen. Denn Kimkannte nichts - gar nichts. Sie wusste nicht, wofür es einen Wasser- oderFutternapf gibt, wozu ein Hundekorb gut sein soll, warum Streicheln etwasschönes sein kann, wozu Hundespielzeug zu gebrauchen ist oder das eine grüneWiese etwas herrliches sein kann. Und Kim hatte Angst vor Frauen.

Sie kannte auch keineAlltagsgeräusche - fuhr ein Auto in 20 Meter Entfernung an unserem Haus vorbei,erstarrte sie vor Angst; machte ich den kläglichen Versuch, Hausarbeit zuverrichten (angefangen beim Spülmaschine aus- oder einräumen, an Saugen warüberhaupt nicht zu denken), sackte Kim in sich zusammen und bewegte sich keinenZentimeter mehr von ihrem Platz weg. Schalteten wir ein Radio ganz leise anoder den Fernseher, weiteten sich Kim´s Augen panisch und sie war zu keinerBewegung mehr fähig. Nach über einer Woche gelang es dann meinem Mann, ihr wenigstensdas Halsband abzunehmen indem er sich Zentimeter für Zentimeter an Kimherannäherte, ihr immer wieder kleine Futterhäppchen zuschob, zu ihr sprach undversuchte, sie zu beruhigen. Das ganze dauerte beinahe den halben Tag, aber esgelang. Und mit jedem weiteren Tag bei uns begann Kim, doch einmal zu gucken,was es außerhalb ihrer “Schutzumgebung” von 1 Meter zu entdecken gibt. Sie erforschte immer mehr den Flur, aber immer nur auf dem Boden robbend, dennaufstehen wollte und konnte Kim in ihrer Angst nicht.

Nach 2 Wochen war es möglich, denTierarzt für eine Erstuntersuchung nach Hause zu holen, denn mit Kim dorthin zufahren, daran war nicht zu denken. Kim´s Zustand war ein Bild des Jammers. Siehatte eine klaffende Wunde unter ihrem linken Auge, ihre Haut war über und übermit Ekzemen, Pusteln, Eiter und Schorf übersäht, sie roch erbärmlich und ihrFell war kaputt und stumpf, ihre Ohren völlig dicht mit Dreck und Milben. Daseinzige, was an Kim Intakt war, waren ihre Zähne. Kim war zu diesem Zeitpunktknapp 2 Jahre alt und hatte mindestens einen Wurf gehabt. Die vom Tierarztverordneten Medikamente halfen sehr, ihre körperlichen Wunden heilten gut.

Nach weiteren 2 Wochen verstandKim, wozu ein Futternapf gut ist. Und sie fand in unseren beiden Hunden ihrebesten Freunde und Vertrauten. Kim beobachtete alles. Wie sich unsere beidenHunde verhielten, was diese taten, wie sie reagierten, wenn wir in der Nähewaren und so war es nach einer weiteren Woche möglich, dass mein Mann Kim anihrem Brustgeschirr anleinen konnte, um mit ihr in den Garten zu gehen. Und Kimverfiel wieder in Panik, denn überall zwitscherten Vögel, die Blätter an denBäumen raschelten im Wind und das Gras unter ihren Pfoten versetzte sie inAngst und Schrecken. Und so dauerte es über 6 Wochen, bis Kim stubenrein wurdeund bis sie verstand, dass Natur auch etwas schönes sein kann.

Nach und nach legte Kim ihre Angstuns gegenüber ab. Auch wusste sie inzwischen, dass es sich viel schöner ineinem Hundekorb mit weichen Kissen liegen lässt als auf Fliesen. Und einesTages war es dann soweit. Kim fasste all ihren Mut zusammen und steckte ihrenKopf durch die (geöffnete) Wohnzimmertür um zu sehen, wo wir sind. Das war füruns ein unglaublich ergreifendes Gefühl und wir spürten, dass Kim und wir aufdem richtigen Weg waren.

Nach 4 Monaten hatte Kim so viel Vertrauen zu uns gefasst, dass es möglich war, mit ihr an der Leine vor dasHaus zu gehen und auf den Fußweg 10 Meter hin und wieder nach Hause zu laufen.Das ganze dauerte über eine Stunde, aber für Kim war es wieder ein Schritt nachvorn. Und von da ab konnten wir mit Kim immer mehr und mehr vor dem Hauserforschen, ihr zeigen, dass es auch noch eine andere Welt gibt außer unserHaus und unser Garten.

Weitere 2 Monate vergingen. Wirführten ein ausführliches Tagebuch über Kim, aber niemand wollte Kim eineChance geben. Niemand traute sich, eine so ängstliche Hündin bei sichaufzunehmen und ihr ein Heim zu geben. Und mit jedem weiteren Tag wurde uns derGedanke, Kim gehen zu lassen, immer schwerer. Und so kam was kommen mußte, wirbewarben uns für Kim und sie durfte bei uns bleiben. Bis heute haben wir dieseEntscheidung nicht eine Minute bereut.

Nachdem ein Jahr nach Kim´sRettung vergangen war stellte sich heraus, dass sie Epileptiker ist. Doch esgibt gute Medikamente dagegen, die helfen, die Epilepsie in den Griff zubekommen, die jedoch den Nachteil haben, dass der Hund aufschwemmt - ähnlichwie bei Cortison. Also ist Kim halt etwas kräftiger, hat aber dafür keineepileptischen Anfälle mehr und sie ist gut mit den Epi-Tabletten eingestellt.

Seit einem Jahr ist es auchmöglich, dass Kim gebürstet werden kann und das man sie mit einem Handtuchabreiben darf. Und inzwischen gibt es für Kim kein Halten mehr wenn sie sieht,dass alle Hunde gebürstet oder nach einem Spaziergang bei Schmuddelwetter auchabgetrocknet werden. Da schiebt sie alle beiseite, denn sie möchte als Erstedrankommen. Und seit März letzten Jahres findet Kim es wunderbar, wenn sieanstelle ihres Brustgeschirres ihr Halsband für den Spaziergang angelegtbekommt, was ja auch wesentlich einfacher ist. Wenn Kim sah, wir nehmen einHalsband in die Hand, verfiel sie wieder in ihre alten Ängste und verkroch sichin die hinterste Ecke des Hauses.

Inzwischen ist Kim fast 3 Jahrebei uns, sie ist eine tolle Hündin geworden, die ihre Ängste gut im Griff hat.Sie hat soviel Energie und Spaß am Leben. Mit ihr kann man stundenlang überFelder laufen, durch den Wald toben, am Strand rumtollen und sie liebt es, wennman sich zu ihr in den Korb legt, um stundenlang mit ihr zu kuscheln. Menschen,die sie kennt, dürfen sie ohne Probleme streicheln - bei Fremden oder kleinerenKindern spürt man ihre Unsicherheit, die sich aber nicht in Aggressionenzeigen. Dann geht sie eben einen Schritt zurück und setzt sich neben oderhinter meinen Mann oder mich. Auch ihre Angst vor Frauen hat sie abgelegt undich darf alles mit ihr machen. Meinen Mann jedoch liebt Kim abgöttisch, da genügt schon ein Blick und sie versteht genau, was er von ihr möchte.

Kim ist kein normaler Hund. Sie braucht ihre festen Rituale, sie fühlt sich am sichersten und geborgen, wennsie zu Hause ist. Man kann mit ihr nicht durch belebte Straßen gehen und infremder Umgebung ist sie sehr unsicher und hat Angst. Sie fürchtet sich vorFremden, Kindern, kleinen Hunden und sie hat Schwierigkeiten, junge Hunde oderWelpen in ihrer Nähe zu dulden. Kim kann nicht lange alleine bleiben; nachtshält sie nicht länger als 6 (allerhöchstens 7) Stunden durch, was dazu führt,dass wir eigentlich notorisch unausgeschlafen sind. Doch um nichts in der Weltwürden wir Kim “eintauschen” wollen.
Kim ist einzigartig in dem sieist, wie sie ist. Es war ein langer Weg für Kim, aber wenn wir sehen, wieglücklich und frei sie nun ist, dann haben sich die Sorgen und Mühen um sie,die Geduld, Zuneigung gelohnt und Kim zeigt uns jeden Tag ihre Treue undDankbarkeit. Und wenn Kim heute vor uns steht, ihre Augen leuchten und sie fröhlich mit ihrer Rute wedelt dann wissen wir, dass der Weg, den wir mit ihrbis heute gegangen sind, der richtige Weg war.

copyright© 2011 by Nici Hüstereich