Käthe


Dieses Bild bewegte viele, viele Menschen


In einer großen Befreiungsaktion rettete Berner Sennenhunde in Not an einem einzigen Tag 20 ehemalige „Zuchthunde“ Eine BSiN-Helferin trug dieses kleine abgemagerte, furchtbar ängstliche und schwerstkranke Labbi-Mädchen aus einem verdreckten Vermehrerstall. Das war im Jahr 2011 und ihr Name war Nummer 162.
Wir nannten sie Käthe.

Heute wird sie oft liebevoll (Ra)Käthe genannt. Lesen Sie selbst, was aus Nummer 162 wurde.

Käthes Geschichte

Hallo, mein Name war 162.

Ich war siebeneinhalb Jahre in einer Welpen-Fabrik eingesperrt. Den einzigen Kontakt zu Artgenossen hatte ich durch rostige Gitterstäbe und mehrfach im Jahr wurden bis zu drei Rüden in meinen 70x100 cm kleinen vollgekackten Zwinger gezwängt, die mich tagelang vergewaltigt haben bis ich trächtig wurde. Ich habe dann in dem nassen dreckigen Zwinger meine... Welpen auf die Welt gebracht und sie wurden mir nach 2-3 Wochen entwendet. Ich habe sie nie wieder gesehen.

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Unendlich oft hat sich diese Quälerei wiederholt bis zu dem Tag an dem viele Menschen zu mir und den anderen über 160 Hunden die rings herum eingesperrt waren, vorgedrungen waren.
Sie haben uns aus unserem Gefängnis geholt und wir hatten dennoch große Angst- denn wir kannten doch nichts anderes als unser feuchtes Gefängnis ohne Menschen. Außer dem fiesen Typen der uns unregelmäßig und selten Futter hingeworfen und uns dabei getreten hat.

Ich war also raus und wusste damit überhaupt nichts anzufangen. Ich hatte mitten in der Nacht nach einer langen ersten Autofahrt das erste Mal in meinem Leben Wiese unter meinen Pfoten. Ich habe ganz alleine für mich frisches Wasser und Futter bekommen und hatte Angst als der Mensch in meiner Nähe war, so unsagbare Angst und habe lieber gehungert. Und ich habe nur 18 kg gewogen- ich bin eine helle Retrieverhündin die eigentlich 30 kg wiegen sollte!

Denn meine Erfahrung sagte mir: SEI VORSICHTIG! MENSCHEN TUN DIR WEH!!
Diese Erfahrung sollte weiterhin bestimmend sein für die nächsten Jahre in Freiheit, aber mir wurde es nicht übel genommen.

Aber ab diesem Tage habe ich einen Namen!!!! Ich bin Käthe!!!!!!

Die Zeichen meiner Gefangenschaft werden mich lebenslang begleiten: Die Narbe am Schädel und an den Lefzen wo ich versucht habe aus dem rostigen Zwinger zu flüchten. Die schlechten Zähne von der schlechten sporadischen brutalen Fütterung und der Unterernährung, die riesigen Zitzen baumeln vom schlaffen Gewebe herunter.

In meinem neuen Zuhause wurde ich kastriert und die Ärzte waren schockiert über meine Gebärmutter, die sie wie ein großes Zelt auseinander ziehen konnten. Sie waren schockiert über meinen Gesamtzustand, über meine jahrelang unbehandelte schwerste Arthrose im Vorderbein links und den damit verbundenen Schmerzen die ich hatte, sie waren schockiert über meine Geschichte – und ich bin ja nur eine von unvorstellbar vielen Gebärmaschinen- Das ist leider immer noch nicht bei allen Menschen bekannt, aber dafür umso schlimmer. Ich war eine Produktionsmaschine für die vielen „Oh“ und „Ah“ der Menschen auf den Welpenmärkten- denn Mich hat man ja nie gesehen in meinem kleinen dunklen Verschlag!!

Und immer gibt es sie noch, leider – die Menschen die sich für billige Hunde entscheiden ohne jegliche Prüfung und sich keine Gedanken über das Leid machen welches sie dadurch verursachen.

Ich habe Leben gelernt, ganz langsam und ganz vorsichtig. Ich habe alle Zeit der Welt bekommen und wurde aber zudem immer mehr gefordert an den Tücken der Zivilisation teilzuhaben. Sei es dass ich das Haus kennen lernen musste, Anfassen und Angucken lassen, Ansprache erdulden, die alltäglichen Geräusche, das Anziehen eines Halsbandes, dann eines Geschirres, dann das Anleinen, dann Schritt für Schritt raus aus dem Garten- alleine dieser Schritt hat über sechs Monate gedauert. Viel Ungemach ist im Hause geblieben, denn woher sollte ich „Stubenreinheit“ kennen. Kleine Dinge wie die Fernbedienung, ein Löffel oder irgendetwas Anderes in der Hand hat mich fast in Panik gebracht- es wurde einfach immer weiter gemacht- ich hab´s gehasst, jetzt macht es mir fast gar nichts mehr aus. Aber dennoch zittere ich oft wie Espenlaub und habe plötzlich pure Angst. denn es ist doch eigentlich Normal!

Normal! Was ein Wort !!! Für mich und meine Leute ist vieles Normal. Wenn wir Besuch bekommen sagen diese, dass sehr vieles eben nicht normal ist!!
Wir haben uns schon so gegenseitig angepasst und angenähert und dennoch haben wir größten Spaß miteinander.

2 Jahre lebe ich nun schon in Freiheit, aber dennoch ist jeder Tag immer wieder eine Herausforderung für uns, denn ich habe immer noch viel Angst und auch das Füttern ist immer noch eine Herausforderung – zu tief sind die seelischen Verletzungen - Aber dennoch mache ich immer wieder kleine Fortschritte- so minimal sie auch seien werden sie immer von meinen geliebten Menschen zur Kenntnis genommen und die Reaktion darauf bringt mich in Mini-Schritten nach vorne. Nach Vorne in ein entspannteres Leben, auch wenn ich niemals ein richtiges entspanntes Leben führen werden kann- Dafür wurde ich zu lange zu stark gequält!!!

Die Menschen die mich kennen lernen durften, berichten über mein bisheriges Leben, über meine angeschlagenen Gesundheit und die geldgierigen Gründe dafür, sie berichten hoffentlich auch über meine Rettung durch Berner Sennenhunde in Not e.V. und sie werden hoffentlich niemals „Billig-Welpen“ kaufen auch wenn es noch so lockt- das hat nämlich nicht mit Tierschutz zu tun, es ist „Sponsoring“ für die nächste Welpenproduktion!!!!!
Sie erzählen auch über mein neues Leben und meinen Mut mit den eigentlich normalen Dingen des Lebens umzugehen. Auch wenn alles sehr langsam, recht schwierig und schrittweise in den letzten 2 Jahren aufgearbeitet wurde, ist jeder noch so kleiner Erfolg für meine Leute die größte Geste und die schönste Bestätigung für die aufreibende Arbeit mit „Angsthunden“, die wir gemeinsam genießen können!!!!

Die Hoffnung dass diese Welpenproduktion einmal aufhört ist das ferne Ziel, es gibt nicht nur die Hundemafia aus Osteuropa, es gibt auch solche Vermehrer um die Ecke – die Menschen die „einmal Welpen“ haben wollen, diese verkaufen ohne jegliche Kontrolle wo die Tiere letztendlich landen. Viele von diesen landen wieder in Fabriken und es geht wieder von vorne los.

Ich habe glücklicherweise dieses schlimme Leben hinter mir gelassen, Glück, dass ich nach meiner Befreiung Schmerzmittel bekomme, professionelle Physiotherapie, bunte Berner um mich herum habe die mir genauso viel beibringen und Kraft geben wie natürlich auch viele liebe Menschen die mich lieben so wie ich bin!!!

Liebe Grüße ... Käthe


Text und Fotos: copyright © 2010 by G.Bettentrup
http://www.berner-sennenhunde-in-not.de