Iwra



Das Alter dieser Hündinnen lässt sich nur schätzen. Die ganzen Lebensumstände, das Ausnutzen bis auf die Knochen, die Hormonbehandlungen, damit sie öfter tragend werden, all das lässt sie älter sein, als sie wirklich sind.

Iwra schätzen wir auf über 12 Jahre. 4 davon hat sie in Freiheit verbracht. Den größten Teil ihres Lebens, 8 Jahre, in der Vermehrerhölle. 8 Menschenjahre hast du in der Hölle zugebracht. Wenn man sie mal 7 nimmt, sind das 56 Hundejahre. Man sagt sogar, dass die ersten beiden Jahre 12 Jahre zählen. Dann wären es sogar 66 Jahre. Fast ein ganzes Menschenleben. 66 Jahre in der Hölle. Wer hätte von uns die Kraft und den Mut, sich mit 66 noch einem völlig fremden Leben zu stellen? Jeden Tag den Mut, dem Risiko Leben zu gegenüberzutreten? Du hast ihn! Tag für Tag! Einen nach dem anderen.

Schutzlos der völligen Willkür anderer ausgeliefert zu sein. Du verstehst die Sprache nicht, weißt nicht, was man von dir will. Du bist gelähmt vor Angst. Machst du nicht das, was von dir verlangst wird, setzt es Prügel. Bist du nicht willig, hagelt es Fußtritte und du wirst gefesselt. Vergewaltigungen durch die Rüden, jeden Tag in deiner Hitze, 3 Wochen lang. Eine Katastrophe, wenn du eine Hitze nicht gedeckt würdest. Eine unnütze Esserin. Eine kreisrunde Narbe habe ich an dir gefunden. Eine an dir ausgedrückte Zigarette? Eine deiner Leidensgenossinnen hat ganz viele dieser Narben. Sie hatte fast keine Hüftpfannen. Wenn man ihr die Hand auf die Hüften legte, sackte sie hinten zusammen. Mit ihr ist trotzdem gezüchtet worden. Wie? Ich mag es mir nicht vorstellen. Das überlasse ich denen, die mit einem „Billigwelpen“ liebäugeln.

Haben die Welpen dieser Hündin das gleiche Leiden? Sind auch ihre Hüften nicht ausgebildet? Und Iwras Welpen? Haben auch sie wie Iwra stärkste HD? Wieviel Sorgen, Tränen und Geld mögen ihre arglosen Käufer schon vergossen und investiert haben. Sind die Nachkommen dieser Hündinnen womöglich schon tot? Haben sie noch nicht einmal ihre eigenen Mütter überlebt?

Eine andere Hündin gerät in Panik, wenn sie leuchtende Taschenlampen sieht. Waren es die nächtlichen Kontrollen? Was geschah nachts?

Iwra hat Angst vor allen klatschenden Geräuschen. Es reicht eine Fliegenklatsche.
Sally, auch eine Leidensgenossin von Iwra, bekam Panikattaken bei knallenden Geräuschen.
Was bedeutet das? Hat man die unbrauchbaren Welpen oder völlig entkräfteten Hündinnen im gleichen Käfig erschlagen? Vor den Augen der Lebenden? Der Illusion, dass ein Tierarzt jemals diese Käfige betreten hat, wird sich sicher niemand hingeben.
Egal? Hauptsache 500,00 Euro gespart?!
Iwra ist zweimal weggelaufen. Einmal ihrer ersten Familie und einmal uns. 3 Wochen hat sie sich insgesamt alleine durchgeschlagen. So groß war die Angst vor dem, was kommen könnte. Dann lieber alleine im Wald mit all den fremden Geräuschen, der Kälte, dem Hunger.
Flucht. Unglaublich denken wir. Es geht dir doch so gut bei deinen „neuen Menschen“. Merkt sie denn nicht, wie gut wir es mit ihr meinen?
Ich stelle mir vor, ich wäre gefangen bei Außerirdischen. Mein ganzes Leben. Jetzt komme ich zu anderen Außerirdischen. Sie sehen genauso aus, sie sprechen genauso wie die anderen. Woher soll ich wissen, dass sie nicht morgen oder gleich genauso schreckliche Sachen mit mir machen wie die anderen?

ICH WEISS ES NICHT!

Deshalb bleibt ihre Angst. Ihre Wachsamkeit. Ihr Misstrauen.
Aus ihrem Seelengefängnis wird sie nie mehr entkommen.
Aber sie schafft es, sich mutig jedem neuen Tag entgegenzustellen. Mit der Last eines ganzen Waggons voller Steine auf ihren Schultern.
66 Jahre in der Hölle. Iwra – eine starke Frau!

copyright © 2009 by M.Weißbach


04. Februar 2011
Man sieht die Sonne langsam untergehen und man erschrickt doch, wenn es plötzlich Nacht wird.
† 03. Februar 2011

* Iwra * - das war mein Leben

Leiser Abschied...
Dies ist die Geschichte einer ca. 14 jährigen blonden Labbihündin und zwar von mir, IWRA. Meine Kräfte schwinden so langsam und mir bleibt nicht mehr so viel Zeit. Deshalb schau ich noch mal zurück auf mein Leben, besser gesagt auf meine Leben. Das erste war kalt, schrecklich, unwahr und grausam. Das zweite, mein heutiges ist warm, herzlich und voll Geborgenheit. Aber jetzt eins nach dem anderen.

Mein Geburtsdatum weiß ich nicht, ist auch egal ist schon so lange her. Mein Leben begann wohl als Zuchthündin bei einem Vermehrer. Die Zustände dort waren unbeschreiblich. Viele von uns lebten in Zwingern im Freien bei Wind und Wetter, einige im Gebäude ohne richtiges Tageslicht auf nacktem Betonboden. Gesäubert wurden die Käfige nicht, so dass wir in unserem eigen Kot und Urin leben, vegetieren mussten. Genau so sahen wir auch aus und der Geruch eilte uns sicher voraus. Ärztliche Versorgung war dort auch ein Fremdwort. Viele von uns wurden misshandelt, körperlich und seelisch. Mit den Folgen müssen wir bis heute alle Leben. So ging das viele Jahre, Jahr für Jahr ohne auch nur einen Funken von Hoffnung.

Doch eines Tages war alles anders. Es war im November 2003. Dieser Tag sollte unser aller bisheriges Leben auf den Kopf stellen. Wir wurden befreit, nach langen endlosen 7 Jahren für mich.
Für 27 von uns ging das Tor zur Freiheit auf. Engagierte Tierschützer befreiten uns. War das schön, aber auch komisch, so was unter den Pfoten zu spüren, was ist das? Gras, sowas kennen wir doch nicht und erst so frei auf der Wiese zu tollen, oh ist das….. Die Fahrt im Auto war schon komisch für viele beängstigend. Das schlimmste sollte noch kommen, die erste Untersuchung beim Tierarzt. Dann wurden wir alle aufgeteilt und es ging in alle Himmelsrichtungen.

Meine Reise ging nach Lorsch auf einen Reiterhof. Das war alles so aufregend, neue Vierbeiner, Zweibeiner, dann waren da noch so komische große Hunde. Ja ja, heut weiß ich auch, dass es Pferde waren (hi hi). Sollte dies mein neues Zuhause werden?

Hier durfte ich alles kennenlernen und mich auch frei bewegen. Die Angst vor allem neuen war groß, mach ich es auch richtig oder muss ich wieder in den dunklen Zwinger? Fragen über Fragen und die Vergangenheit ist noch so nah. Ich habe mir viel bei meinen Artgenossen abgeschaut.
Die Wochen vergingen und ganz langsam gewöhnte ich mich an die Freiheit und die „großen“ Hunde. Die hatten in ihrem Stall einen Eimer mit Brot stehen, an den bin ich immer heimlich gegangen und habe das harte Brot geklaut.
Irgendwann musste ich wieder mit dem Auto fahren. Fremde Menschen holten mich ab. Sie sollten mich in mein neues endgültiges Zuhause bringen.
Es war eine lange Fahrt ins ungewisse. Was kommt jetzt? Ich habe Angst. Endlich angekommen, ich bin völlig verunsichert und ängstlich vor dem, was da kommen mag. Ich hab mich dort nie richtig wohl gefühlt und meine Angst wurde immer größer. Das Kind wollte bestimmt nichts böses, aber ich wollte eben nicht in den Arm genommen werden und solche Sachen……

Eines Tages kam die Gelegenheit, die Tür stand einen Spalt auf und was glaubt ihr was ich mache? Ich flitze einfach raus. Endlich in Freiheit und nicht mehr diese Enge um mich rum. Nichts wie weg immer weiter und weiter. Ob ich es genossen habe kann ich gar nicht mehr sagen, egal Hauptsache weg.

Ob mich meine Leute damals wirklich richtig gesucht haben weiß ich nicht, aber ich glaube die waren auch froh, dass ich nicht mehr da war. Irgendwann bin ich im Tierheim gelandet, nach ca. 2 Wochen. Dort wurde ich von dem alten Verein wieder abgeholt und in eine neue Pflegestelle gebracht. Da mich meine alte Familie nicht mehr haben wollte. Inzwischen ist meine Ängstlichkeit noch größer geworden. Als wir da angekommen sind war schon eine Leidensgenossin da, eine junge 2 jährige Labbihündin. Die war sogar noch ängstlicher als ich. Hier war ich für 6 Wochen.

Dann besuchte mich eine neue Familie. Die waren schon nett, vor allem hatten die kein Kind mit, da kann ich nicht drauf. Die machen mir zu viel Angst und rücken einem immer so auf die Pelle, nee nee. Wie es aussieht wird das wohl meine neue Familie für mich und ich bin dort alleine, keine anderen Hunde, nur Katzen.
So, da ist der Tag, ich ziehe um ins Sauerland. Endlich angekommen traue ich mich kaum ins Haus und dann sind da auch noch so komische Vierbeiner. Die schnurren immer so, das ist mir doch sehr unheimlich. Nun ja, warten wir mal ab was noch so kommt. Ich habe Angst vor allem Neuen und jetzt ist wieder alles neu.

Der erste Tag, wie wird der wohl werden? Hoffentlich nicht so schlimm. Auf geht`s. Alle sind ganz freundlich zu mir, Angst hab ich trotzdem. Der erste Gassigang, Halsband und Geschirr um und zwei Leinen, nur weil ich einmal abgehauen bin, so`n Blödsinn. Draußen ist alles interessant, aber wo ich ja gar nichts mit anfangen kann, ist das Wasser unten auf der Wiese, hoffentlich muss ich da nicht rein, Wasser mag überhaupt nicht. Ich laufe auch um jede Pfütze, sollen sich die anderen doch einsauen.

Bis jetzt kann man es noch aushalten, alles nicht so schlimm. Nur vor Männern hab ich Angst, deshalb lass ich mich von Herrchen nicht anfassen, nur von Frauchen. Herrchen tut dann so, als ob ich nicht da wäre und dann trickst er mich doch immer wieder aus und die Leine ist an meinem Geschirr, ab auf die Gassirunde.
Ein paar Tage sind inzwischen vergangen, es geht eigentlich ganz gut bis auf meine Ängste die einfach nicht weg wollen. Ein Tierarztbesuch steht wieder ins Haus. Meine ehemaliges Pflegefrauchen hatte bei der Übergabe gesagt dass ich in der ersten Woche zum Impfen muss und noch eine Spritze gegen die Läufigkeit bekommen. Da ist der Tag nun, wir sitzen im Wartezimmer, ich kann nicht behaupten dass ich mich hier wohl fühle. Jetzt sind wir dran, eigentlich möchte ich hier nur noch weg, klappt aber nicht. Die Untersuchung auweia und dann noch ein Mann, das bedeutet nichts Gutes. Frauchen hält mich fest, die Impfung geht noch, aber nun kommt die Spritze. Die soll unten in meinen Bauch. Ne Jungs jetzt reicht’s, ich strample mit allen Beinen, Hilft nichts, da gibt’s nur eins. Ich hab ja Zähne, hm die lernt der Tierarzt erst mal kennen. Frauchen bricht jetzt endlich ab und sagt die Spritze gibt’s nicht mehr. Geschafft, der TA wird es überleben. Und mein Frauchen und Herrchen müssen nun gut aufpassen, dass kein Verehrer kommt hi,hi.

Herrchen gibt sich alle Mühe, aber meine Angst vor Männern bleibt vor allem nach dem Tierarztbesuch. Trotzdem muss ich mit Herrchen auskommen, er ist den ganzen Tag zu Hause bei mir. Am Wochenende sind wir zum ersten Mal mit dem Auto weggefahren auf eine „Hundewiese“. Ich habe dort viele Hunde gesehen, aber hin getraut hab ich mich noch nicht so richtig. Hier komme ich bestimmt noch öfter hin und dann lerne ich sie alle kennen.

Wieder beginnt unser Spaziergang mit einer Autofahrt, nur ist diesmal Frauchen nicht dabei. Herrchen hat mich im Auto so festgemacht das ich nicht beim öffnen der Klappe weglaufen kann. Angekommen, aber nicht auf der Hundewiese. Die Klappe geht auf und ich will sofort weg, Mist geht nicht ich bin ja gesichert. Spring ich erst mal raus das klappt mit der Leine, aber nun bekomme ich Fürchterliche Angst, da zieht auch einer ganz fest an der Leine, ich kann nicht weg, versuchs trotzdem immer stärker. Herrchen kommt dazu und da ist es passiert, ich habe es geschafft! Ich bin frei, ich bin aus dem Geschirr geschlüpft. Und jetzt aber nichts wie weg die Straße lang. Doch da, ein Auto überholt mich und bleibt einige Meter vor mir stehen, die Klappe hinten geht auf. Es ist Herrchen. Was mach ich nun? Ins Auto springen oder weiter weglaufen. Ich nehme das letztere und laufe in die Büsche.

Ich höre Rufe, immer wieder meinen Namen. Das bereitet mir noch mehr Angst und ich lauf immer weiter bis ich nichts mehr höre. Endlich Ruhe und ich bin für mich ganz allein, im Wald. Ein bisschen unheimlich ist das schon hier. Ich laufe ziellos im Wald herum, ohne dass mich einer sieht. Langsam wird es dunkel, Zeit um ein ruhiges Plätzchen zum Schlafen zu finden.

Inzwischen hat Herrchen viel telefoniert, ob mich jemand gesehen hat, keiner sieht mich. Wen der alles angerufen hat, von der Polizei über den Busfahrer, Taxizentrale, Waldarbeiter usw. bis Radio Sauerland. Die haben sogar eine Suchmeldung herausgegeben. Überall in Arnsberg hängt nun ein Bild von mir, ich bin doch kein Schwerverbrecher. Jetzt kann ich mich nirgends mehr blicken lassen. Spät abends höre ich in weiter Ferne meinen Namen, sie suchen immer noch nach mir. Ich hab aber ein gutes Versteck.

Für morgen stellen sie ein Suchtrupp zusammen, da muss ich mich besonders gut verstecken. Der Morgen kommt und ich bekomme Hunger. Die Nacht war auch nicht wirklich toll, alles so Fremde, komische Geräusche, alles sehr sehr unheimlich. Ich laufe mal den Weg wieder zurück, den ich gestern gegangen bin. Halt , da da sind Stimmen, was mach ich jetzt? Dran vorbei, hm weiß nicht, packen die mich vielleicht? Ich probier es einfach. Einer will mir sogar sein Brot geben, dem trau ich aber nicht und dann reden die noch auf mich ein. Besser nichts wie weg hier. Einer der Waldarbeiter telefoniert. Oh oh das bedeutet nichts Gutes. Herrchen war heute Morgen schon bei ihnen und hat auch da meinen „Steckbrief“ abgegeben. Jetzt dauerts bestimmt nicht mehr lange und der taucht hier auf, nichts wie weg. Und was sag ich, da höre auch schon meinen Namen. Ich mach mich ganz klein. Glück gehabt, er geht wieder ohne mich gesehen zu haben. Ich bleib erst mal in meinem Versteck.

Am Nachmittag hallt wieder mein Namen durch den Wald. Auweia, bloß nicht von der Stelle rühren. Das ist der Suchtrupp. Au da haben mich doch zwei Spaziergängerinnen mit Hund gesehen, so`n Mist. Jetzt schnell weg. Herrchen sehe ich auch schon kommen. Sie rufen mich, aber umso näher sie kommen umso größer wird meine Angst. Da gibt’s nur eins und das heißt abhauen und wieder verstecken. Irgendwann geben sie auf und verabreden sich für den nächsten Tag. Ruhe, da kann ich ja wieder los, dunkel ist es auch schon wieder. Zu den ganzen unheimlichen Geräuschen kommt auch noch das schlechte Wetter, es ist Ende Oktober, kalt, nass ,dunstig, einfach nur ekelig. Ich versuch noch mal den Weg zu gehen, im Dunkeln kommt ja keiner mehr. Scheis…. Lichter, ein Auto. Die Türen gehen auf und wer steigt aus? Herrchen und Frauchen, sie rufen mich wieder. Einen Moment lang überlege ich was ich machen soll. Hingehen oder nicht. Sie sind bestimmt böse auf mich und ich werde bestraft. Ich hab Angst, nee nee nix wie weg.

Die nächsten Tage sind wie verhext, jedes Mal wenn ich den Weg gehen will taucht Herrchen auf. Ich weiß nicht ob der hier in den Wald gezogen ist oder wo der immer her kommt. Egal ob morgens oder abends, irgendwie lauf ich ihm immer über Weg Und wenn er mich mal nicht sieht rufen Leute bei ihm an die mich gesehen haben. Das Ganze geht nun schon ein paar Tage. Ich fühl mich total schlecht. Hunger und die Kälte, ich versuch noch mal den Weg zu gehen. Die ersten Häuser sind zu sehen und kein Herrchen. Doch da sieht mich ein Mann, der telefoniert sofort, ich hab‘s geahnt, da kommt er auch schon wieder bevor das Telefon überhaupt klingelt. Das ist der fünfte Tag und jedes Mal hat er mich erwischt. Nun aber ab in die Siedlung und irgendwo untertauchen. Aber Herrchen hat Freunde dabei und die suchen mit. Immer wieder stöbern sie mich auf. Vor lauter Verzweiflung laufe ich unter einem Zaun durch, hier geht’s nicht weiter. Ruck zuck ist die Stelle unter der ich durchgeschlüpft bin zugestellt. Jetzt komm ich hier nicht mehr raus. Da taucht ein Mann auf der so ein komisches Gerät mit hat. Schon spüre ich einen Stich, es ist ein Blasrohr mit dem er auf mich „geschossen“ hat. Ich werde ganz müde. Nun versucht er mich zu fangen mit einer Stange mit einer Schlinge dran. Nicht mit mir, lauf ich einfach wieder los. Dann noch ein Stich, er hat`s schon wieder gemacht. Ich schlafe ein. Ab da weiß ich nichts mehr für eine kurze Zeit. Erst zu Hause wach ich langsam auf und knalle überall vor, weil ich nicht liegen bleiben will. Schön warm ist es wieder, ja das hätte ich schon früher haben können. Wenn meine Angst nicht wäre.

Alles noch mal gut gegangen ich bin wieder in der warmen Stube und kann endlich anfangen mein Leben zu genießen. Wenn wir jetzt spazieren gehen bin ich mit Halsband, Geschirr und zwei Leinen gesichert wie ein Schwerverbrecher.
Nie mehr ohne Leine, das kann doch nicht sein. So vergeht Woche um Woche. Langsam gewöhne ich mich an Herrchen, ganz langsaaam.
Eines Tages kommen wir alle von einem Spaziergang zurück, ich fühl mich super, Frauchen und Herrchen merken das und lassen mich ohne Leine vom Auto zum Haus laufen. War das toll ohne diese Gebamsel zu laufen. Das hat so super geklappt, dass wir das nun öfters machen.

Vor vielen Sachen im Haus hab ich Angst, wenn der Toaster fertig ist und nach oben schnellt erschreck ich mich fürchterlich und stehe zitternd in der Küche. Das passiert bei vielen Geräuschen. Ich kann da gar nichts gegen machen, es kommt einfach über mich.
Andere Hunde sind nicht hier, nur Katzen, aber mit denen kann ich nichts anfangen. Der eine nervt immer und will mit mir kuscheln, das find ich gar nicht gut. Heute ist der dicke Kater nicht da, ich vermiss ihn auch nicht.

Ein paar Tage später kommt was braunes Vierbeiniges durch die Tür, ich schaue ganz vorsichtig wer das ist. Sie stinkt fürchterlich und sieht ganz schlecht aus. Mein Gesäuge ist schon groß aber das von ihr geht fast bis auf den Boden. Vielleicht wird das meine Freundin und ich kann mir bei ihr einiges abschauen. Am nächsten Tag kommt noch ein neuer Mitbewohner, ein kleiner Kater, 4 Wochen alt. Der kann ohne sich zu ducken unter dem Sofa her flitzen wo ich mal gerade meine Nase drunter kriege und er ist obendrein rotzfrech.

Die beiden machen mir Angst besonders dieser kleine freche Kater Baba. Die braune Hilde ist krank und muss operiert werden, ihr Gesäuge muss entfernt werden, eine alte Naht ist wieder aufgegangen. Alles muss nun ganz schnell gehen, die arme Hilde. Und was sage ich euch, Hilde hat die OP und sogar noch eine zweite an ihren Ohren, die waren gaaaanz doll entzündet überstanden.
Inzwischen sind wir Freundinnen geworden. Ich lerne viel von ihr und schaue mir alles ab. Hilde kommt oft zu mir ins Körbchen. Nur vor den Katzen hab ich immer noch Angst, die nerven mich immer und nur mich.
Hilde ist ein Pflegehund und jetzt die super Nachricht SIE DARF BLEIBEN !! Das ist toll, nie mehr alleine. Mit Hilde zusammen ist alles viel leichter, sie hat vor nichts Angst, ich mach ihr einfach alles nach, hi hi. Mit unseren Zweibeinern machen wir viele Ausflüge, am Anfang hatte ich immer die Befürchtung, sie bringen mich wieder weg in so einen schlimmen Käfig. Aber bis jetzt sind wir immer wieder zu Hause angekommen. Ich darf auch mittlerweile an einigen Stellen ohne Leine laufen, das ist doch schöner als immer angebunden zu sein.

Im Haus werde ich auch immer selbstbewusster dabei helfen mir so Tropfen die immer ins Wasser kommen. Frauchen hat einmal versucht die Mischung zu ändern, war aber ein Schuss in Ofen, am nächsten Tag waren meine Ängste wieder da.

Die Spaziergänge mit Hilde machen richtig Spaß, wenn wir Hunde unterwegs treffen läuft Hilde schnurgerade drauf los, mit einigen Hunden will sie spielen, mit spielen kann ich überhaupt nichts anfangen, will ich auch nicht. Auf fremde Hunde geh ich aber nicht so wie Hilde los, sondern lauf immer schön einen Bogen ganz vorsichtig, dann ein bisschen schnüffeln und weiter zum nächsten. Bei den Zweibeinern machen mir Männer nach wie vor mehr Angst als Frauen, das will sich auch nicht wirklich bessern.

Jeden Samstag „müssen“ Hilde und ich arbeiten, da kommt eine Trainerin für uns. Viele Denkspiele müssen da bewältigt werden, das macht richtig Spaß und ich werde da immer besser. Für Hilde wird ein Parcours aufgebaut, da geht die voll drauf ab. Herrchen hat uns ein paar Geräte gebaut, die nicht so groß sind wie auf dem Hundeplatz (Hilde ist zu wutzig) und fällt dann von den Geräten. Für mich werden die Geräte ganz ganz tief gestellt. Das erste Mal durch den Tunnel laufen, das war schon eine Aktion mit Überraschung.
Frauchen mit Trainerin haben Leckerchen in den Tunnel gelegt um mich darein zu locken, und was mach ich? Ich lauf da einfach durch hin und zurück und nochmal. Die beiden gucken sich nur staunend an und freuen sich über meine mutige Tat. Das macht doll Spaß und vor allem die Leckerchen die da drin liegen, suuuper.

Im Laufe der Jahre waren einige Pflegeschwestern- und Brüder bei uns. Da wurd es schon das eine oder andere Mal recht eng in unseren Kudden. Zu viert haben wir da tatsächlich reingepasst. Beim Füttern war es vielleicht mal chaotisch. Für meinen Napf hab ich immer länger gebraucht, weil ich schön langsam esse, so haben die anderen mir immer zugucken müssen, selbst schuld warum sind sie auch wie Staubsauger, nich mein Problem.

Es gäbe jetzt noch viele schöne Geschichten zu erzählen die ich die letzten Jahre erleben durfte. Ich habe es genossen, meine Jahre in Geborgenheit, voll Wärme und Liebe, aber es wird langsam Zeit für mich zu gehen, meine Kräfte schwinden mehr und mehr.
Ich habe viele liebe Menschen kennengelernt, ob damals bei der Suche nach mir oder bei Treffen und Besuchen, auch Männer vor denen ich jetzt keine Angst mehr habe.

Wenn ihr diese Zeilen lest, bin ich schon über die Regenbogenbrücke gegangen, wie die meisten der Befreiten von damals. Alle die mich kennen, behaltet mich in Guter Erinnerung und erzählt meine Geschichte, damit es andren Vierbeinern nicht so ergeht wie mir in meiner ersten Lebensphase.