Gino


Im April 2006 wollte ein brandenburgischer Vermehrer einen Zuchtrüdenentlassen, der schon einmal in Freiheit kommen sollte, dann aber dochzurück bleiben musste, weil ihn keiner nehmen konnte. Es war Ginosletzte Chance.Er war herzkrank und daher zur Zucht nicht mehr zugebrauchen.
Fieberhaft wurde nach einem Pflegekörbchen gesucht. Letztendlichlandete er dann bei uns. Wir wussten, dass es nicht leicht werdenwürde, denn wir besaßen einen unkastrierten Rüden, aber Gino musste wegvon diesem brutalen Vermehrer.
Nach einer langen Fahrkette kam Gino an einem Sonnabendabend bei uns an.Hoppla, hier bin ich! Ich möchte hier der Chef sein! Genauso trat er auf. Sein Leben lang hatte er nichts anderes gelernt, als um die Chefrolle zu kämpfen.
Es gab von Anfang an Ärger mit unserem Poldi. Das waren schlimmeWochen, angefüllt mit Rangordnungskämpfen und blutigen Schnauzen.
Nach Ginos Kastration wurde es dann langsam besser und unser Rudelkonnte aufatmen. Die Rangordnung war geklärt.Gino ordnete sichwiderwillig unter. Nur beim Füttern musste man noch sehr aufpassen.
Und dann, als er nicht mehr so vollgepumpt war mit Testosteron, zeigtesich sein wahres Wesen. Er war ein ganz liebes Kerlchen, sensibel,sanft und sehr ängstlich. Er war wie verwandelt. Oft saß er mithängendem Kopf in einer Ecke des Zimmers und schaute traurig vor sichhin. Bei unbedachten,plötzlichen Bewegungen meines Mannes machte ersich klein vor Angst. Wenn ich mir ein Gartengerät im Schuppen holte,rannte er plötzlich weg so weit es ging. Oder wenn jemand laut dieStimme erhob, hatte er auch Angst.
Wir haben dann versucht, seine Ängste mit Bachblüten zu mildern, leider mit wenig Erfolg. Sein Wesen ist bis heute so geblieben.
Manche Menschen glauben, dass Zuchtrüden nicht so sehr leiden müssenwie die Hündinnen, dass sie weniger ausgebeutet werden und nicht soviel Elend ertragen müssen. Dem ist aber nicht so.
Zuchtrüden leiden genauso. Sie leben ein Leben lang in Einzelhaft, sindisoliert. Aus dem Zwinger dürfen sie nur zum Decken. Sie sindvollgestopft mit Hormonen, damit sie immer bereit sind zu decken. Nurdas haben sie im Kopf. Und immer ist in ihrer Nähe eine Hündin läufig,zu der sie wollen.Das m acht sie völlig irre.
Gino hatte nach ein paar Wochen eine sehr enge Bindung zu miraufgebaut. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einen Menschengefunden, dem er vertraute und der ihn gut behandelte. Diesen Menschenwollte er nun unbedingt für sich allein haben. Es gefiel ihm gar nicht,dass es noch andere Hunde neben ihm gab, die auch gestreichelt werdenwollten und die auch Leckerlis bekamen. Er drängelte sich stetsdazwischen, wenn ich einen anderen Hund kuschelte oder wenn mich einanderer Hund als erster begrüßte. Es war schwer für ihn das zuakzeptieren.
Gino leidet heute noch unter großen Verlassensängsten. Wenn ich morgenszur Arbeit gehe, ist das okay für ihn. Aber wenn ich zu einerbestimmten Zeit nicht zu Hause bin, sobald er nur eine Stunde späterwird, bricht er in Panik aus und fängt an, sein Hundebett anzuknabbern.
Das hat sich bis heute nicht geändert. All unsere Hundebetten weisen viele bunte Flicken auf.
Wir lieben Gino mit all seinen Macken. Deshalb durfte er auch bei unsbleiben. Ich denke, dass er heute ein glücklicher Hund ist und dass wirihn trotz seines Herzfehlers noch lange haben werden.

copyright © 2009 by DLdV