Felix - Ein Labrador nutzt seine letzte Chance


Im Frühherbst 2008 bekamen wir einen Hilferuf zugeschickt: Felix, 2,5 Jahre alt, Labradorrüde kastriert, sucht dringend ein Pflegeplätzchen oder ein endgültiges Zuhause. Eigentlich waren unsere Lebensumstände nicht ideal, um einen weiteren Hund zu unserer Golden Retriever Hündin aufzunehmen. Bisher war immer die Vernunft Sieger geblieben, entweder bei meinem Mann oder bei mir, aber Felix Bild hat uns berührt. Nach einigen Telefonaten haben wir uns dann entschieden, dass er zu uns kommen darf.

Felix wurde mit ca. einem halben Jahr im Tierheim abgegeben, weil er seine Familie vom Sofa herunter angeknurrt hatte. Im Tierheim scheiterten zwei oder drei Vermittlungsversuche daran, dass Felix am Futternapf die Annäherung bzw. Berührung von Menschen nicht ertragen konnte und geschnappt hatte. Eine engagierte Tierschützerin hatte ihn dann im Tierheim gefunden und ihn als Pflegestelle für einen Tierschutzverein zu sich genommen. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat sie ihm damit das noch junge Leben gerettet, denn im Tierheim galt Felix als nicht vermittelbar. Auch in dieser Pflegestelle zeigten sich Schwierigkeiten, Felix hat dort drei Mal abgeschnappt, immer in Situationen in denen aus seiner Sicht zu viel Nähe entstanden war.

Mit diesen Vorinformationen kam Felix dann am 18.10.2008 bei uns an. Mit unserer Hündin haben wir das erste Treffen auf einer großen eingezäunten Wiese durchgeführt, so konnten beide Hunde frei laufen. Die beiden haben sich kurz begrüßt und damit war das Kennen lernen erledigt. Bis heute würde ich das Verhältnis der beiden so beschreiben: Sie akzeptieren sich, aber sie brauchen sich nicht unbedingt.

In den ersten Wochen hat Felix unheimlich viel geschlafen. Er musste wohl seine Vergangenheit ausschlafen, den Stress der letzten Wochen und sich erholen. Auf den Spaziergängen klebte seine Nase quasi am Boden, Felix war nicht ansprechbar - er schüffelte nur und sammelte alles ein, was er am Boden finden konnte. Egal ob es Dreck, Kot, Äpfel oder was auch immer war, er hat es gefressen.

Schon in den ersten Tagen kam es zu Situationen, in denen Felix abschnappte. Er drohte enorm kurz, so dass wir Menschen kaum Zeit hatten, darauf deeskalierend zu reagieren. Und dann packte er, da wo er einen erwischen konnte und hielt fest. Es gab keine Löcher, aber manchmal leichte Quetschungen. Er hatte eine verdammt gut ausgeprägte Beißhemmung, wusste genau, wie fest er packen konnte, um deutlich zu verwarnen, aber nicht zu verletzen.

Je länger wir uns kennen lernten, um so deutlicher wurde uns, dass Felix einfach schlechte Erfahrungen mit der Hand des Menschen gemacht hatte. Es bestätigte sich nicht, dass er Liegeplätze verteidigte, sondern es stellte sich immer mehr heraus, dass er quasi seine eigene Individualdistanz verteidigte. Er scheint einige sehr unschöne gewalttätige Erziehungsversuche erlebt zu haben und hat irgendwann gelernt, dass Selbstverteidigung die beste Art der Verteidigung ist. Darüber hinaus haben wir bei einem Tierarztbesuch festgestellt, dass er einen kaputten Ellbogen hatte, vermutlich von Geburt an und schon lange unter Schmerzen litt. Aus diesem Grund haben wir ihn zunächst mit Schmerzmitteln schmerzfrei gemacht und anschließend eine Operation des Beines durchgeführt.

In der ersten Zeit war es nicht immer leicht mit Felix zusammen zu leben. Wir hatten die Möbel umgestellt, um Engstellen zu vermeiden, die ihn dazu veranlassen würden, zu schnappen oder in eine Abwehrhaltung zu gehen. Immer wenn wir uns ihm näherten, egal ob auf seinen Liegeplätzen oder sonst irgendwo in der Wohnung liegend, haben wir ihn angesprochen, ihm ein absplittendes Handzeichen gezeigt, damit er wusste, dass wir nur an ihm vorbeigehen, ihn nicht anfassen wollen. Wenn uns etwas hinuntergefallen ist, haben wir erst geschaut, wo Felix gerade ist. Nur mit ausreichend Abstand zu ihm, haben wir es dann aufgehoben. Wenn Felix dicht dabei war, haben wir ihn zunächst weggelockt und uns erst anschließend gebückt. Wir hatten für Felix Kinderschutztüren gekauft und damit das Arbeitszimmer ausgestattet. So konnte Felix im Arbeitszimmer schlafen, abgetrennt, aber in Hör- und Sichtweite zu uns im Schlafzimmer und Wohnzimmer, damit er sich nicht nachts heimlich aufs Sofa schleichen konnte, weil ja unklar war, ob wir ihn da wieder runter lotsen könnten. Außerdem war es eine Möglichkeit, ihm auch tagsüber mal für sich alleine eine Auszeit zu geben. So ein bisschen wie Kleinkinder zum Mittagsschlaf hinzulegen, damit sie dann den Rest des Tages ausgeruht begehen können. Ihm war vor allem an den Wochenenden, wenn wir beide den ganzen Tag zuhause waren, die dauernde Nähe zum Menschen oft zu anstrengend, da musste er immer acht geben, was wir gerade so machen, ob sich jemand nähert usw. In seinem Zimmer, das wir dadurch attraktiv gemacht haben, dass es immer was tolles zum Nagen gab, konnte er sich entspannen und schlafen, weil er bald herausgefunden hatte, dass ihn dort niemand stört.

Wir haben Felix mit Hilfe einer Tierheilpraktikerin zusätzlich homöopatisch unterstützt, sowohl was die gesundheitlichen Baustellen anging als auch das Thema Vergangenheitsbewältigung. Dies hat ihm auch ein gutes Stück geholfen, er wurde freier, das Training nutzen zu können. Viele Abläufe haben wir ritualisiert, d.h. Signalwörter eingeführt, die einen immer gleichen Ablauf ankündigen. Das gibt ihm die Sicherheit, zu erkennen, was nun als nächstes auf ihn zukommt und was von ihm verlangt wird.

So haben wir in den ersten Wochen das Brustgeschirr einfach angelassen und dann langsam daran gearbeitet, es an- und ausziehen zu dürfen. Auch das Richten des Futters und die Abläufe darum haben wir ritualisiert: Er wartet in seinem Zimmer bis das Futter gerichtet ist, dann stellen wir es in ein Extrazimmer, das er erst anschließend betreten darf und schließen die Tür. Wenn unsere Hündin mit Fressen fertig ist, gehen wir an seine Zimmertür und fragen: "Bist Du fertig?" und öffnen. Das Ein- und Aussteigen im Auto wurde ritualisiert, damit er keine Angst hat, wenn wir ins Brustgeschirr fassen, um das Raushüpfen abzufedern, wegen seines Ellbogens. Alleine bleiben haben wir ebenfalls ritualisiert: „Bin gleich wieder da“ und etwas zum Nagen bilden das Ritual. Genauso das An- und Ableinen, damit er immer wusste, warum sich die Hand nun auf ihn zubewegt und dass ihm dabei nichts passieren wird. Auch ein Maulkorbtraining hat Felix hier kennen gelernt. Das war uns immer wichtig, damit wir ihn z.B. beim Tierarzt stressfrei sichern können. Aber auch als wir ihn das erste Mal zu meiner Familie dazugelassen haben, war der Mauli drauf - einfach zur Sicherheit für die Menschen und da er ihn kannte, fand er das nicht schlimm.

Wenn Besuch kam und auch heute noch kommt, geht Felix zunächst in sein Zimmer, damit in unserem engen Flur nicht unabsichtlich eine schwierige Nähe für ihn entsteht. Anfänglich durfte er dann im Zimmer schlafen, nagen und sich in Sicherheit fühlen. Oft hatte ich den Eindruck, dass er regelrecht froh war, dass er wegbleiben durfte. Später durfte er dann immer mal wieder für eine kurze Zeit dazu, je nach seiner Tagesform aber auch je nach Besuch. Mit der Zeit haben wir ihn bei Menschen, die er bereits kannte und die wussten ,wie sie sich verhalten sollen, auch an der Tür dazugelassen. Erst gestern waren Freunde da, die er durch das Mantrailtraining kennt und mag. Da durfte er die gesamte Zeit des Besuches dabei sein und konnte das auch gut meistern.

Mit Kommandos haben wir erst recht spät angefangen, das war einfach nicht wichtig. Wichtig war uns zunächst, dass er ankommen darf, dass er seinen Stress abbauen kann, dass er die Erfahrung macht, es gibt Menschen, denen man vertrauen kann, die einem nicht weh tun. Wir haben zunächst sehr viel Kopfarbeit mit ihm gemacht: Nasenarbeit, Trickaufbau, Suchspiele. Damit konnte er seine Frustrationstoleranz etwas steigern. Er lernte, nach anderen Lösungen zu suchen, lernte sich selbst zu vertrauen und hatte einfach Spaß zusammen mit dem Menschen.

Im Herbst 2009, nach über einem Jahr Pflegezeit, haben wir uns dann entschieden, dass Felix hier nicht mehr wegzudenken ist und er bei uns bleiben darf. Nun wurde er ganz offiziell unser Hund - mit einem neuen Rufnamen, "Ben", den wir ihm schon lange vorher gegeben hatten, zum Zeichen des Neuanfanges. Nun lebt er bei uns als Familienmitglied. Es war uns bei der endgültigen Übernahme von Ben bewusst, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben und viele Entscheidungen noch um ihn herum getroffen werden müssen. Besuche bei Familie oder Freunden müssen immer abgewogen werden: Kann er schon mit oder ist es noch zu viel für ihn? Wenn wir ihn nicht mitnehmen können, darf er zu einer versierten Trainerin in deren Tierpension. Das haben wir auch langsam und Schritt für Schritt vorbereitet und er geht sehr gerne hin.

Mittlerweile sind die Kindergittertüren nachts offen, Tagsüber braucht er immer seltener eine Auszeit. Er hat das Sofa und das Bett erobert, allerdings können wir ihn auf dem Sofa oder im Bett nicht bekuscheln. Liegend kann er es noch immer kaum aushalten, angefasst zu werden. Das macht ihm immer noch Angst. Vielleicht kann er es irgendwann in den nächsten Jahren genießen lernen, vielleicht auch nicht. Wir passen uns ihm in seiner Lerngeschwindigkeit an. Bis heute gilt, dass wir fremde Personen nicht erlauben, ihn zu streicheln, genau wegen dieser Ängste, aber wir können ihn mittlerweile an immer mehr Stellen anfassen. Vor wenigen Wochen habe ich zu trainieren begonnen, ihm in die Ohren zu schauen, die Augen zu kontrollieren, das Maul anfassen und die Lefzen hochziehen zu dürfen. Das geht ganz gut, ich bin gespannt wie weit wir kommen werden….

Es war ein großes Abenteuer, diesen Hund aufzunehmen und bis jetzt zu begleiten. Aber es lohnt sich hundertfach. Ich kann nur erahnen, welche Erfahrungen ihn so misstrauisch haben werden lassen, was ihn so ängstlich und verteidigungsbereit hat werden lassen. Aber ich bin immer wieder tief berührt, wie viel Bereitschaft Ben zeigt, wieder zu vertrauen, Berührungen langsam wieder zu zu lassen, wie viel er lernt, was alles möglich ist und vor allem, wie viel Lebensfreude dieser Hund mittlerweile ausstrahlt.

Das Verhalten dieser Hunde hat Ursachen, die fast ausnahmslos in Handlungen des Menschen begründet liegen. Und oft waren diese Erfahrungen so schmerzlich und sitzen so tief, dass es Jahre, viel Einfühlungsvermögen und Verständnis braucht, einem Hund das Wissen zu vermitteln, wieder vertrauen zu können. Es bedeutet ebenso, ein Stückweit eigene Lebensgewohnheiten zu ändern oder aufzugeben. Wir waren dazu bereit.

Ich bin sehr dankbar, dass uns das Schicksal zusammen geführt hat und wir mit ihm seinen Lebensweg gehen dürfen, mit allen Ecken und Kanten. Und ich bin auch froh darüber, in dem Verein "Retriever und Freunde e.V." Menschen gefunden zu haben, die an unserem gemeinsamen Lebensweg Anteil nehmen. Viele kennen unsere Geschichte von Anfang an. Mit im Verein engagierten Animal-Learn-Trainerinnen habe ich bis heute die Möglichkeit, mich fachlich auszutauschen. In Momenten, in denen ich dachte, es geht einen Schritt voran und zwei zurück, haben mich Freunde auch mal getröstet und mir Mut zugesprochen, nicht aufzugeben. Diesen Rückhalt möchte ich nicht missen, er ist so wichtig, gerade dann, wenn ein gemeinsamer Weg von Hund und Mensch so stolprig ist, wie der unsere.

Herzliche Grüße aus dem Schwarzwald von
Martina, Eika & Ben (Felix)