Dafra



Hiermit möchte ich euch unsere Geschichte über Dafra, eine ehemalige Zuchthündin, erzählen:
Ich bin seit 2002 für den Tierschutz tätig und habe auch früher schon Erfahrungen als Pflegestelle (Zuchthunde), Vorkontrolleurin, Fahrtketten und diverse andere Dinge gesammelt.
Im November 2003 war ich an einer Fahrtkette nach Holland beteiligt, wo von einem Vermehrer viele Hündinnen (Golden Retriever und auch einige Labbis) ausgesondert wurden, weil sie keine „Leistung“ mehr gebracht haben, nicht mehr rentabel, unwirtschaftlich oder krank waren.
Im Vorwege wurden Pflegestellen (PS) gesucht – und gefunden. Die Fahrtketten standen natürlich auch schon.
Wir waren ebenfalls PS und ich bin mit 2 weiteren Frauen an einem Novembertag Richtung Holland gefahren. Näher der holländischen Grenze sollten wir 4 Hündinnen erstmal bis nach Hamburg fahren, wo andere Fahrer auf die zu übernehmenden Hunde auf uns warten sollten.Wir waren sehr aufgeregt, alle 3. Wir kannten uns bis dahin nur aus dem Forum und vom Telefon.
Aber zurück zu den „Holländerinnen“:
Die Hunde lebten dort im Freien, auf Europaletten. Die Goldies draußen ohne Dach über dem Kopf, Die Labbis drinnen eingefercht in kleinen Stallungen. Viele Welpen wurden eng gequetscht in einen Mauervorsprung gedrückt.
Der Vermehrer sagte dann bei Abholung, dass er noch mehr Hunde hätte, die auch schnell weg sollten. Da sagt man nicht nein, oder?
Es wurde schnell gehandelt: wild telefoniert; neue weitere PS gezaubert und das Chaos war perfekt. Die Hunde wurden mehr oder weniger in die Autos (meistens Transporter) gequetscht; egal: Hauptsache raus da. Dann trafen wir uns alle an der holländischen Grenze bei einem TA, der für den Verein arbeitet zum Check: impfen, checken, entwurmen, chipen. Viele Hunde waren zum Laufen zu schwach und mussten getragen werden. Die Rute unter dem bauch eingeklemmt. Die Hunde krochen mehr über den Boden als dass sie liefen.
Bei den Erinnerungen an die Szenen kullern mir die Tränen. Es fällt mir sehr schwer, über das Erlebte und Gesehene zu berichten.Dann wurden die Hunde zusammen auf das Freigelände geführt zum Lösen etc.
Was hier nach Toben aussieht, täuscht. Die Hunde schlichen auf allen Viren umher und gingen planlos durch das Gelände, fast panisch. Durstig und hungrig nach Streicheleinheiten von uns Menschen. Kein Hund hat gebellt, kein Mensch gelacht.

Die Stille trotz der vielen Menschen (Helfer) war bedrückend.Traurige, fassungslose Gesichter bei uns Menschen. Todesangst und Ungläubigkeit in den Augen der Hunde. Was wird passieren? Viele von uns haben geweint.
Die Freude, so viele Hunde auf einmal gerettet zu haben, war unendlich groß. Wir hatten noch 700 Kilometer vor uns bis Hamburg, wo die Fahrtkette dann weiter gehen sollte.
Die 4 Holländerinnen haben entsetzlich gestunken. Das war uns aber egal. Wir haben sie gestreichelt, auf sie beruhigend eingeredet, die Angst in den Augen der Hunde war furchtbar. Wir 3 Frauen habenWeihnachtslieder gesungen, um die Hunde zu beruhigen.


Hier sind wir mit den 4 Hündinnen an Bord, wo wir mit der Fahrtkette waren und dass wir uns auf demAutobahnparkplatz Nähe Hamburg bei McDonalds treffen wollten, um die anderenHunde zu übergeben.

Wir sollten eine Hündin behalten, die anderen 3 wurden dann auf dem Parkplatzübergeben.
Als wir auf den Parkplatz rollten, standen neben meinem Mann dort 8-9 Autos undMenschen davor, die ich nicht kannte.

Wir wurden mit einem Hupkonzert und Applaus auf dem Parkplatzempfangen. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran zurück denke.
Wir 3 Frauen stiegen völligerschöpft aus dem Auto und ich fiel meinem Mann heulend in die Arme. Ichmerkte, dass mir einige Leute auf die Schulter klopften und ich wurde von wildfremden Menschen in den Arm genommen (das waren die User aus dem Forum).

Da wurde mit erst bewusst, dass es wirklich Wunderbares war, was wir da heute geleistet haben.Wir haben keine einzige Pause gemacht, sind direktdurchgefahren. Immer wieder haben wir 3 Frauen im Wechsel geweint, fassungslos, wie Menschenso liebevollen Hunden ein so furchtbares Leid zufügen können... Unfaßbar über das, was man einem Tier antun kann.
Die dicken Kettenhalsbänder waren zum Teil ins Fell eingewachsen.
Im Forum wurden die anderen User live auf dem laufenden gehalten und alle wussten, wir haben heute ganz vielen Seelen das Leben gerettet.
Zu Hause angekommen, hat Dafra dann das Haus erkundet und Benny durfte sie auchkennen lernen.
Benny war damals 2 Jahre alt, nicht kastriert und Dafra wurde gerade läufig(jippi)

Dafras rechte Vorderpfote zeigt deutliche Spuren ihres früheren Lebens. Ein offener nie verheilter Bruch.
Wahrscheinlich war sie am Gitter und wurde vom Menschen mit einem Gegenstandzurück geschlagen. Das passiert leider häufiger.
Das würde auch ihr Verhalten erklären, was sie zeigt, wenn wir aneisernen Gartentoren vorbei gingen oder etwas Metallisches geklappert hat.


Erste Annäherung mit meinem Mann Andreas: Eine schüchterne Schönheit, die lieber draußen als drinnen war und sich vorerstvorzugsweise drinnen erleichtert hat.

Dafra war nach ca. 4 Wochen endlich stubenrein. Ihre gefährlichen Peitschenwürmer wurden auch vom TA behandelt und bekämpft. Seelisch wurde sie immer stabiler; Möwen hat sie bis zuletzt gejagt. Anfangs gestalteten sich die Spaziergänge mit Dafra sehr anstrengend. Sie lief ständig im Kreis um uns herum. Sobald die Leine ins Spiel kam, schmiß sie sich auf den Boden, so eine Panik hatte sie vor der Leine. Ihre Körperhaltung war geduckt und eher ein Schleichen. Nach wenigen Tagen ging sie selbstbewusst mit erhobenem Kopf, neugierig, die Rute wie ein Wedel schwenkend im Wind.

Eines der glücklichsten Momente für mich war, als ich eines Morgens aufwachte, zu Dafra ging und ihre Rute vor Freude überall gegen schlug. Erst war das Schwanzwedeln sehr vorsichtig und schüchtern und dann war es echte Freude.

Wir werden Dafra niemals vergessen. Sie starb im Jahre 2006. Morgens mochte sie nicht raus und lag apathisch auf ihrer Decke. Der TA untersuchte sie und sie wurde mittags operiert. Die Leber war voller Tumore, so dass sie aus der Narkose nicht mehr wach wurde. Wir danken Dafra, dass sie uns so viel über Hunde beigebracht hat.

Und Benny sind wir ewig dankbar, dass er sich der Aufgabe gestellt hat, einer ehemaligen Zuchthündin ein besseres Leben zu zeigen.

Ich habe die Erfahrung niemals bereut und würde immer wieder helfen, einer armen Seele den Weg in ein neues Leben zu ermöglichen.

copyright © 2009 by Martina Starke