Bibi


Bibi ist eine junge Labradorhündin wie sie im Buche steht. Wunderschön und fast jeder, der ihr begegnet, findet sie bezaubernd. Nur ihr oftmals trauriger Blick und das ängstliche Zurückweichen bei fremden Menschen sind so gar nicht typisch für diese Rasse. Warum hat die denn Angst? Diese Frage haben wir schon sehr oft bei Begegnungen gestellt bekommen. Manchmal gibt es nur eine kurze Antwort, aber wenn wir in der Stimmung sind, dass wir erzählen möchten und merken, dass Interesse beim Fragenden vorhanden ist, dann erzählen wir, was Bibi für eine Vergangenheit erlebt hat, die sie bis heute immer wieder einholt.

Bibi hat die ersten 2 Jahre ihres Lebens als Zuchthündin eines Vermehrers verbracht.
Was genau ihr Leben dort bestimmt hat, wissen wir nicht im Detail. Wir möchten es auch so genau gar nicht wissen, denn vermutlich würden wir das ganze Ausmaß ihrer Geschichte nur sehr schwer ertragen können. Unsere Bibi hatte Glück im Unglück. Sie konnte keine Welpen bekommen und wurde deshalb im Alter von zwei Jahren aus ihrer Gefangenschaft entlassen.

Ihr Weg führte sie dann in eine Pflegestelle, wo sie die ersten Schritte in Freiheit vorsichtig wagen konnte. Bibi war übersät mit Parasiten, die es erstmal zu bekämpfen galt. Ein Schaumbad alleine war nicht ausreichend. Einige Hot Spots waren das Resultat davon. An einigen Stellen wird das Fell wohl nicht nachwachsen. Das ist aber scheinbar der einzige körperliche Makel. Die seelischen Wunden werden wohl nie ganz verheilen.

Bibi kannte nichts, als sie in ihrer Pflegestelle ankam. Ein gefüllter Fressnapf und frisches Wasser daneben, ein eigenes Hundebett, eine Wiese zum schnüffeln, Gassigänge in die nahe Umgebung oder Autofahren um in die fernere Umgebung zu kommen. Ihre Angst war so groß, dass sie sich nicht getraut hat den dunklen Flur zu betreten. So führte ihr Weg ins Haus stets durch den Garten.

Mit ihren 2 Jahren musste sie lernen, dass die kleinen und großen Geschäfte draußen erledigt werden. Was aber ganz wichtig für sie war, das waren die Hände, die von diesem Zeitpunkt an nur noch zum Streicheln da waren. Schläge sollen für immer der dunklen Vergangenheit angehören.

Die Pflegestelle hat in diesem halben Jahr einen ganz wichtigen Grundstein für Bibis weiteres Leben gelegt. Üblicherweise sind das Dinge, die ein Welpe in den ersten Monaten vermittelt bekommt. Dieser wichtigen Lebensphase ist Bibi ja leider beraubt worden.

Dann kam der Zeitpunkt als sich die Wege von Bibi und uns gekreuzt haben. Wir hatten uns entschlossen, dass eine Hündin bei uns einziehen soll, damit unser Golden Retriever Rüde Bruno nicht weiter als Einzelhund lebt. Ganz bewusst haben wir nach einer Hündin aus dem Tierschutz gesucht und sind dann auf das Tagebuch von Bibi gestoßen. Nach dem ersten Kennenlernen war klar, dass mein Mann und ich uns sofort in dieses Wesen verliebt hatten. Für uns von genauso großer Bedeutung war aber, dass unser Bruno diese Ansicht teilt und Bibi als Gefährtin akzeptiert. Und auch er war einverstanden.
Kurz vor Weihnachten ist Bibi dann bei uns eingezogen. Glücklich, sie jetzt bei uns zu haben, hatten wir aber auch Bedenken, ob wir ihr immer richtig helfen können, wenn ihre Ängste sie einholen. Die erste Hürde, die es zu nehmen galt, war die Türschwelle und auch einige Schwellen zwischen den Räumen. Die Treppe nach oben war für sie nicht ganz so schwer, aber die Kellertreppe ist für sie noch heute ein Hindernis.

In unserem Haus ist für Bibi die Welt so lange OK, wie nichts verändert wird. Am Anfang machte ihr ein Beutel Kartoffeln Angst, der plötzlich in der Küche lag. Heute sind es schon nur noch größere Veränderungen, die sie aus der Fassung bringen. So z. B. Stühle, die vorher an anderer Stelle standen, oder aber Wäschekörbe, Kisten oder Taschen, die für sie nicht dorthin gehören. Beim Spaziergang ist es für sie immer wieder ein Problem, wenn z. B. Mülltonnen im Weg stehen. Fahrräder, Inline- oder Skateboardfahrer waren ihr am Anfang auch sehr unheimlich.

Was sie auch nie kennengelernt hat sind Kinder. Wenn Kinder draußen spielen und Krach machen, bellt sie lauthals mit. Wenn sie auf Bibi zukommen, weicht sie erschrocken aus und verbellt aus für sie sicherer Entfernung.

Besonders aufgeregt ist sie immer, wenn sie wieder nach Hause kommt. Dann nimmt sie sofort eines ihrer zahlreichen Plüschtiere ins Maul und trägt es herum. Wie ein Baby, das ein Schmusetuch zur Beruhigung braucht, kommt sie mit den Plüschtieren leichter zur Ruhe.

Was ihr bisher nie ein Problem bereitet hat, ist das Sozialverhalten mit Artgenossen. Alle Hunde werden freundlich begrüßt und fremde Menschen machen ihr deutlich weniger Angst, wenn sie einen Hund an ihrer Seite haben. Wenn allerdings Rüden sehr aufdringlich werden, läuft sie vor Angst mit eingeklemmter Rute im Kreis, ohne sich zu wehren. Das Abwehrverhalten wurde in ihrem alten Leben stets bestraft. Wir hoffen, dass wir sie hier zukünftig bestärken können. Ab jetzt darf sie ruhig zeigen, wenn sie sich bedrängt fühlt.

Bibi lebt jetzt seit einem halben Jahr bei uns. Mit unserem Bruno zusammen bildet sie ein tolles Team. Mit ihm fühlt sie sich gestärkt und wenn er vorläuft, folgt sie ihm einfach und vergisst manchmal dabei, dass der Weg ihr unheimlich sein könnte. Sie begleitet Herrchen ins Büro und auch das dunkle Treppenhaus dort ist zur Gewohnheit geworden. Fremde Menschen werden noch immer skeptisch betrachtet, aber gelegentlich lässt sie sich anfassen.
Wenn eine streichelnde Hand sie unverhofft trifft, zuckt sie zusammen, realisiert aber dann, dass keine Gefahr mehr besteht und dreht sich genüsslich auf den Rücken und lässt sich den Bauch kraulen.

Als wir kürzlich im Urlaub waren und einen riesigen Strand für uns hatten, wurden wir alle plötzlich dann doch wieder von Bibi´s Vergangenheit eingeholt. Bruno und Bibi hatten im Wasser gespielt und am Strand getobt. Als wir unseren Weg dann fortsetzten, ist Bibi wie ein Tiger im Käfig immer wieder im Kreis um uns herumgelaufen. Erst waren es große Kreise und je länger sie lief desto kleiner wurden die Kreise. Wir sind dann stehen geblieben, haben uns dann in den Sand gesetzt, Bibi in unsere Mitte genommen und beruhigt. Genauso werden wir es ihr Leben lang handhaben. Immer wieder beruhigen und sagen, dass alles Gut ist.

copyright © 2010 by Claudia Grohs